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120 Jahre Eintracht Braunschweig-Special: Die Fans Teil1

15. Dezember 2015 von
Der Mehrteiler aus dem abseits° nur bei regionalSport. Foto: Frank Vollmer
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Braunschweig. „Tradition kann man nicht kaufen“, heißt es. Betrachtet man den Weg der Fans der Braunschweiger Eintracht seit der Gründung der Bundesliga, dann muss man entgegnen: „Stimmt!“ Anläßlich des 120. Geburtstages des BTSV blickt regionalSport.de zurück auf die Entwicklung der Fanszene rund um den blau-gelben Traditionsverein.


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Die Fans Teil1: Vielleicht auch ein bisschen verrückt

Wolfgang Schoeps ist der 1. Vorsitzende der Blau-Gelben Volkswagenlöwen. Mit etwas mehr als 300 Mitgliedern bilden sie den derzeit größten von unzähligen Fanclubs der Eintracht. Mit dem einen Jahr Bundesliga nach 28 Jahren und einer grundsoliden sportlichen Entwicklung in den letzten Jahren, strahlt der rote Löwe mittlerweile wieder, ohne den Glanz alter Zeiten zu zitieren. „Wir haben diesmal das große Glück, dass uns keiner bemitleidet wie damals in den Zeiten der Regionalliga“, erzählt Schoeps. Schon vor der Gründung der Bundesliga wurde er mit dem ‚Virus Eintracht‘ infiziert. Ein 5:1 gegen Holstein Kiel in der Saison 1961/62 war die Initialzündung. Seitdem haben er und die unzähligen Fans der Braunschweiger Löwen eine Anzahl an Höhen und Tiefen durchgestanden, wie sie im deutschen Fußball wohl ihresgleichen suchen. Als Fan der Blau-Gelben musste man in den letzten Jahrzehnten leidensfähig sein. Und vielleicht auch ein bisschen verrückt.

Stürmer Jürgen Moll und das Team begleiten einen Fan auf dessen Marsch. Foto: privat

Stürmer Jürgen Moll und das Team begleiten Viktor Siuda bei der Vorbereitung für seinen Lauf nach Essen. Foto: privat

3 DM für eine Karte

Die Zahl der aus dem Umland anreisenden Zuschauer in den 1960er Jahren war noch sehr überschaubar. „Nur die Wenigsten hatten damals schon ein Auto“, gibt Schoeps zu Protokoll. In seiner Anfangszeit reiste er noch sehr oft mit dem Zug aus seinem Heimatort Süpplingenburg im Landkreis Helmstedt an, um die Faszination der frühen Bundesligajahre an der Hamburger Straße mitzuerleben. Immerhin war Eintracht Braunschweig Gründungsmitglied der Bundesliga. Große Mannschaften mit klangvollen Neman kamen an die Oker, die Eintrittskarten waren mit 3 DM halbwegs erschwinglich und das Stadion genügte damals schon gewissen Ansprüchen. „Das war faszinierend. Dort wo heute die Nordkurve ist, standen wir damals auf Wurzeln oder saßen auf den Bäumen, um besser sehen zu können“, erinnert sich Schoeps. Später bis zur Ära Jägermeister konnte man sogar noch auf die Flutlichtmasten klettern um von oben die Spiele besser verfolgen zu können.

Eintracht Braunschweig als Gründungsmitglied der Bundesliga. Foto: privat

Eintracht Braunschweig als Gründungsmitglied der Bundesliga. Foto: privat

Das ‚kleine Kaff aus dem Zonengrenzland‘ holt die Schale

Mit den Jahren kamen immer mehr Fußballbegeisterte zu den Spielen. Ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte diese Entwicklung mit der unerwarteten Deutschen Meisterschaft 1967. Eine absolute Sensation und eine echte Initialzündung! Das ‚kleine Kaff aus dem Zonengrenzland‘ holt die Schale. Und natürlich wirkte sich das auch auf die Zuschauerzahlen aus. Schon vor der gesellschaftlichen Emanzipation der späten 60er Jahre trug sich die ‚Aantracht‘ in die Geschichtsbücher ein. Und viele wollten dabei sein: „Plötzlich stand jedes Dorf mit einer Gruppe in der Kurve“ (Schoeps). Doch das Wachstum kannte auch Grenzen: „Das Hinterland fehlte“, bedauert er heute. „Bis nach Helmstedt, danach war Schluss.“ Jenseits der unüberwindbaren Grenzanlagen lag der Osten und damit eine andere Welt.  Die Nähe zur ehemaligen innerdeutschen Grenze stellte den Turn- und Sportverein Eintracht immer wieder vor Herausforderungen. Nicht nur finanziell war das für die Verantwortlichen ein gewaltiger Spagat, der auch die heranwachsende Fanszene beeinflusste und heute Teil ihrer Identität ist. ‚Kleine Brötchen backen‘ nennt man das.

Helden mit Schale. Foto: privat

Helden mit Schale. Foto: privat

Salz und Pfeffermäntel

Die große Fußballbühne erlebten die Fans der Braunschweiger Eintracht erstmals im Jahr nach der Meisterschaft. Im Cup der Landesmeister ging es für die Elf von Trainer Helmuth Johannsen im Entscheidungsspiel der Viertelfinalrunde am 20. März 1968 im legendären Wankdorfstadion vor 45.000 Zuschauern gegen Juventus Turin. „In Bern waren fast 10.000 Deutsche, bunt gemischt mit den Fans aus Italien“, so Schoeps, der sich heute noch gern an das Spiel erinnert, auch wenn seine Mannschaft am Ende unterlag. In ihren „Salz- und Pfeffermänteln“ (Anzüge mit Punkt- und Strichmustern, Anmerkung d. Verf.) und selbstgestrickten blau-gelben Wollschals unterstützten die wenigen angereisten Braunschweiger ihr Team, das dennoch 0:1 durch einen Treffer von Magnusson unterlag. Nach dem Aus unterhielt man sich ganz offen, von Verärgerung keine Spur. „Das ging da locker über die Bühne“, so Schoeps heute.

'Revotlutionäre Trainingsmethodik' unter Trainer Johannssen. Foto: privat

‚Revolutionäre Trainingsmethodik‘ unter Trainer Johannssen. Foto: privat

Der Bundesligaskandal

Bis zum Sommer 1971 erlebte die Bundesliga einen ungeahnten Boom. Der 6. Juni sollte sich jedoch als einer der zahlreichen Schicksalstage für die Löwen und ihre Fans herausstellen. Auf seinem eigenen 50. Geburtstag überraschte der Gemüsehändler und Präsident von Kickers Offenbach, Horst-Gregorio Canellas, die zahlreichen Gäste seiner Feier mit einer brisanten Tonaufnahme. Darauf waren Telefonmitschnitte von Spielmanipulationen und Schmiergeldzahlungen bei Punktspielen der Vereine Rot-Weiß Oberhausen und Arminia Bielefeld dokumentiert. Der erste große Bundesliga-Skandal war damit perfekt. Das Vertrauen der Zuschauer in den ehrlichen Sport bekam einen gewaltigen Dämpfer. Auch Eintracht Braunschweig war – zumindest indirekt – in diesen Skandal verwickelt. Die Zuschauerzahlen gingen in der Folge rapide zurück. Der Fußball sah sich einer tristen Zeit gegenüber, doch mittlerweile hatte sich ein harter Kern gebildet. Gegengerade und die Südkurve des Stadions an der Hamburger Straße waren bei den Heimspielen immer noch gut gefüllt.

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Lesen Sie morgen, was in den wilden Siebzigern geschah und wie Eintracht Braunschweig ganz knapp die zweite Deutsche Meisterschaft verpasste.

 

Hier geht es zu Teil 2: Die wilden Siebziger

Hier geht es zu Teil 3: Die wechselhaften Achtziger

Hier geht es zu Teil 4: Die Anfield Road der Regionalliga

Hier geht es zu Teil 5: Die Jahrtausendwende

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