Der Club der 48 Weltmeister oder Sahneschnittchen für alle

11. Januar 2017
Gianni Infantino hat da so ne Idee. Foto: Imago/Ulmer
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Welt. Eine Fußball-Weltmeisterschaft mit 48 Startern? Das widerspricht dem Geist eines Turniers der Besten, meint unser Kolumnist Till Oliver Becker. Und reagiert damit auch auf eine ARD-Glosse, die letztendlich Quote statt Leistung fordert.


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Sahneschnittchen für alle!

Die Ära Blatter ist noch nicht richtig aufgearbeitet – geschweige denn abgeschlossen – da rotzt die FIFA schon wieder einen raus. Einen richtig großen. Wer erwartet hatte, dass beim Fußball-Weltverband jetzt endlich eine Zeit der Demut und Bescheidenheit anbricht, eine Zeit des vorsichtigen Taktierens vielleicht, der sah sich schnell enttäuscht. Nicht weniger als 48 Länder sollen ab 2026 an der Endrunde teilnehmen dürfen. Das ist fast ein Viertel aller 211 Mitgliedsverbände. Keine Frage: Der FIFA geht es dabei vorrangig um die Einnahmen. Denn mehr Teilnehmer bedeuten mehr Spiele (dann 80), mehr Märkte, mehr Werbemöglichkeiten. Wie die FIFA dieses Geld gern nutzt, wird gerade aufgearbeitet. Gewollter Nebeneffekt: Gleichzeitig sichert sich die FIFA-Spitze so auch das Wohlwollen der Verbände in Asien und Afrika, die sich natürlich mehr Teilnehmer von ihren Kontinenten wünschen.
 
Was auf der Strecke bleibt, ist allerdings die Ursprungsidee einer Weltmeisterschaft. Die Besten sollen sich hier messen, und das war bereits bei einem Starterfeld von 32 schon nicht mehr immer der Fall. Jetzt nimmt also ein Viertel aller möglichen Teilnehmer an der Weltmeisterschaft teil – übertragen auf den DFB-Pokal würde es bedeuten, dass nicht weniger als 6 074 Klubs – der DFB hat etwa 26 700 Mitgliedsvereine – in der ersten Runde starten dürften. Klingt nicht machbar? Natürlich nicht. Aber jede erste Herren-Mannschaft hat theoretisch die Chance, den DFB-Pokal zu gewinnen. Der Weg ist für einen Kreisligaverein nur eben etwas länger als für einen Profiklub, denn er muss sich vorher über Kreis-, Bezirks- und Landespokal für die erste Hauptrunde qualifizieren. Das entfällt für die Erst- und Zweitligisten (und die vier Besten der Dritten Liga).

Reichlich Kilometermeilen für zwei Spiele

Genau so verhält es sich auch mit den Startplätzen für eine Fußball-Weltmeisterschaft. Theoretisch können auch die Fidschi-Inseln Weltmeister werden, nur qualifizieren sie sich nicht für das Turnier, weil die Mannschaft nicht das notwendige Niveau dafür hat. Zugegeben: Auch bei einem 48er-Teilnehmerfeld werden Verbände wie die Fidschis wohl eher nicht dabei sein. Dafür aber andere, die  in den Gruppenspielen (es ist die Rede von Dreiergruppen – viele Mannschaften werden also für zwei Spiele tausende von Kilometern fliegen. Stichwort: #co2bilanz) wohl chancenlos sind.
 
Es gibt aber auch andere Meinungen. Ein Kollege von der ARD geht getreu dem Motto „Sahneschnittchen für alle“ an das Thema heran. Ein Zitat: „Der Fußball gehört der ganzen Welt. 211 Mitgliedsverbände hat die FIFA, warum sollen da nur 32 Teams zur WM fahren dürfen? Warum soll eine solche Großveranstaltung einem elitären Kreis vorbehalten sein?“ Na, zum Beispiel, weil es genau das nun einmal ist: eine Weltmeisterschaft, ein Turnier der Elite. Wer es trotz Qualifikationsspielen nicht schafft, dabei zu sein, hat es auch nicht verdient, sich mit den vermeintlich besten Mannschaften der Welt zu messen.

Masse gleich Klasse?

Die vermeintliche Ungerechtigkeit, sie offenbart sich als Unfug, wenn man die Platzierungen der angeblich benachteiligten Nationen anschaut. Noch nie hat ein Land den Titel gewonnen, das nicht in Europa oder Südamerika beheimatet ist. Deutlicher noch: Die Endspiele waren bisher stets eine Angelegenheit dieser beiden Kontinentalverbände. Ins Halbfinale haben es als „Außenstehende“ gerade einmal die USA (1930) und Südkorea (2002) geschafft. Es ist einfach ein Faktum: Der beste Fußball wird in Europa und Südamerika gespielt. Wahrscheinlich solange, bis das Modell „Katar“ aus dem Handball auch im Fußball ankommt.
 
Richtig absurd wird der ARD-Mann, als er meckert, dass in Asien ja der Großteil der Weltbevölkerung lebe, der Kontinentalverband bei der WM 2014 aber nur vier Teams stellen durfte. Man ist ja schon froh, dass der Kollege hier nicht das doppelte Startrecht für China oder Indien fordert. Masse gleich Klasse? Darauf muss man in Bezug auf eine Fußball-Weltmeisterschaft erst einmal kommen.

Quali-Rallye mit Null punkten

Aber schauen wir doch mal nach, wo diese vier asiatischen Vertreter, die nach der härtesten Quali überhaupt (immerhin haben sie sich gegen den Großteil der Weltbevölkerung durchgesetzt) 2014 dabei sein konnten, in Brasilien gelandet sind:
 
Australien (Ozeanien, qualifiziert sich über den asiatischen Verband): Letzter Platz Gruppe B, 0 Punkte, 3:9 Tore
Japan: Letzter Platz Gruppe C, 1 Punkt, 2:6 Tore
Iran: Letzter Platz Gruppe F, 1 Punkt, 1:4 Tore
Südkorea: Letzter Platz Gruppe H, 1 Punkt, 3:6 Tore
 
Jedes dieser Teams ist in der Gruppenphase also deutlich gescheitert. Und Afrika? Nigeria und Algerien hatten das Achtelfinale erreicht, dort war dann aber Endstation. Warum sollte man mehr asiatischen Ländern als bisher die Teilnahme an einer Endrunde ermöglichen? Es gibt keinen Hinweis darauf zu glauben, dass sich mit zum Beispiel der doppelten Menge an asiatischen Teams deren Anteil an den K.o.-Spielen zwingend erhöhen wird.

Entwicklungshilfe nach dem Gießkannenprinzip

Aber diesen Hinweis kann man ja auch mit einer Negativ-Probe herbeikonstruieren: Der ARD-Kollege mutmaßt nämlich fröhlich vor sich hin: „Mehr WM-Teilnehmer werden den Fußball auf der Welt am Ende bereichern. Afrikanische und asiatische Teams werden sich taktisch und technisch verbessern.“ Warum? Weil sie ein oder zwei Gruppenspiele gegen Teams austragen können, die auf einem ganz anderen taktischen und spielerischen Niveau agieren als sie selbst? Der Kollege hat offensichtlich überhaupt keine Ahnung vom Fußball, wenn er davon ausgeht, dass zwei Pflichtspiele extra alle vier Jahre die gleiche Auswirkung haben wie kontinuierliches Training und Spielen oder intensive Fortbildungen.
 
Weiter: „Dem Sport wird das in diesen Ländern einen Schub bescheren, das Interesse der Menschen wird noch größer sein. So ist die WM-Aufstockung die beste Fußball-Entwicklungshilfe, die es geben kann.“ Ist wirklich das Welt-Turnier der besten Teams der Ort für Entwicklungshilfe? Wäre diesen Ländern nicht mit langfristig angelegten Mentorenprogrammen ausländischer Fachleute und Schulungsmaßnahmen für die eigenen Trainer mehr geholfen? Überhaupt: Fußball ist bereits der beliebteste Sport der Welt. Was soll da denn noch kommen? Das Problem dieser Länder ist nicht die Begeisterung der Menschen, es sind oft massive Strukturprobleme. Und die räumt man nicht mit WM-Teilnahmen nach dem Gießkannenprinzip aus.
 
Der ARD-Mann kommt aus seiner Begeisterung für die „WM für alle“ aber gar nicht mehr heraus: „Eine „aufgeblähte“ WM schadet dem Fußball? Sie wird ihm wohl eher nutzen.“ Den Beweis dafür, oder wenigstens genügend Indizien, muss er nicht führen. Ihm reicht die Behauptung, die genauso aus der Luft gegriffen wirkt wie der Schlusssatz: „Die WM mit 48 Teams wird ein Fußball-Fest werden.“ Möglich. Auf jeden Fall aber wird die Qualifikation zu diesem Turnier entwertet. Weil etwas Entscheidendes fehlt: Das Bewusstsein, etwas geleistet zu haben.

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Dies ist eine Kolumne von Till Oliver Becker. Die Meinung des Autors entspricht nicht zwingend der Meinung unserer Redaktion.

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