Karate – Murmeln 14: Seltsames Signal zum Sturm auf Platz 3

2. Februar 2016 von
Kein Thema ist explosiver so kurz vor dem Rückrundenstart. Foto: Vollmer

Manchmal sind die tatsächlichen Entwicklungen schneller als die Prognosen. Gerade einmal eine Woche ist es her, dass ich in meiner wöchentlichen Kolumne hier bei regionalsport.de von einem negativen Klassenerhalt für Eintracht Braunschweig gesprochen habe. Von der vorhandenen Chance aufzusteigen und der vermissten Bereitschaft, etwas dafür zu tun. Zu diesem Zeitpunkt war Eintrachts Kader im Aufstiegsrennen lediglich nicht verstärkt worden. Coach Torsten Lieberknecht hatte die Schwachstellen zwar erkannt und frühzeitig Optimierungen gefordert, aber Manager Marc Arnold konnte nicht liefern.


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Zwei Tage später berichtete regionalsport.de exklusiv, dass Eintracht-Stürmer Emil Berggreen beim Bundesligaspiel des FSV Mainz 05 gegen Borussia Mönchengladbach gesichtet wurde. Mit Berater, im VIP-Bereich, in Gespräche mit Offiziellen der Mainzer vertieft. Der eine oder andere versuchte sich hier noch im Relativieren, dass Eintracht-Spieler ja schon häufiger in Mainz beim Sportarzt gewesen seien. Aber den meisten wurde schnell klar: Der Berggreen will weg. Mal wieder. Und es hat dann ja auch geklappt für ihn, der FSV Mainz 05 einigte sich mit Eintracht auf eine nicht näher kommunizierte Ablöse (es kursieren Summen zwischen 0,8 bis 3 Millionen Euro, ich gehe von einer knappen Million aus). Wobei Eintracht gar nicht anders konnte als zuzustimmen. Denn Berggreen war spätestens seit dem Einspruch gegen seinen Wechsel zum HSV im Sommer ein Fremdkörper im Teamgefüge. Immer wieder wurde berichtet, dass der lange Däne zwar lieb und nett sei, sich aber nicht aktiv integriere. Wozu auch, wenn man eh nicht vorhat, länger zu bleiben? Dazu litt Berggreen immer wieder unter Verletzungen, die ihn zurückwarfen.

Als der Wechsel in trockenen Tüchern war und vermeldet wurde, wuchsen die Spekulationen um einen Ersatz für Berggreen ins Kraut. Geld wäre jetzt ja vorhanden, da müsse sich doch wer finden! Bis Montagabend, 18 Uhr, hatte die Transferliste geöffnet, und Eintracht-Fans aktualisierten teilweise im Minutentakt ihre Browser, um zu sehen, ob und wer denn da noch komme. Aber Manager Marc Arnold präsentierte keinen weiteren Spieler. Nicht einmal einen von Hobro IK.

An dieser Stelle muss ich Marc Arnold, den ich trotz meiner Kritik sehr schätze, allerdings ausdrücklich in Schutz nehmen. Denn es ist anzunehmen, dass der Eintracht-Manager vom Berggreen-Wechsel kalt erwischt wurde und erst durch regionalsport.de von den Vorgängen erfuhr. Der Spieler weilte vorher wochenlang in seiner dänischen Heimat auf Genesungsurlaub, war erst kürzlich zurück nach Braunschweig gekommen und hatte sich dort sogar dem obligatorischen Laktattest unterzogen. Für Eintracht deutete nichts darauf hin, dass Berggreen nicht mit in die Rückrunde gehen würde. Es ist im Gegenteil sogar wahrscheinlich, dass der Spieler sich erst mit Mainz geeinigt hat, bevor der FSV überhaupt mit Eintracht sprach. Falls das so ist, wäre es schlechter Stil, sowohl vom Spieler als auch von den 05ern. Allerdings, das hat das Hamburg-Theater im Sommer gezeigt, als auch damals der HSV sich mit dem Spieler einig schien und erst danach fragte, ob Eintracht ihn überhaupt abgeben wolle: Der Profifußball schert sich nicht um Stil. Charakter als Luxus.

Marc Arnold jedenfalls hatte, wenn meine Einschätzung zutrifft, vielleicht zwei Tage Zeit, auf die neue Situation zu reagieren. Ein Zeitfenster, das deutlich zu schmal ist für einen Transfer der benötigten Klasse – wenn man nicht bereits vorher längst mit wechselwilligen Spielern in Kontakt steht. Und, soviel ist klar, das tat Eintracht nicht. Auch nicht zu Simon Terodde, den ein Facebook-User in Braunschweig beim Shoppen gesehen haben wollte.  Obwohl die Geschichte schnell als Humbug enttarnt wurde (Terodde hatte zeitgleich Lauftraining in Bochum), wollten viele Fans dieses Gerücht glauben, so groß war die Sehnsucht nach einer Verstärkung des Kaders. Auch ein vermuteter und durchaus naheliegender Tausch Berggreen – Niederlechner kam nicht zustande, Florian Niederlechner wurde von Mainz an den SC Freiburg verliehen. Ein Interesse Eintrachts an dem jungen Stürmer ist übrigens nicht bekannt.

Ist Marc Arnold ein Vorwurf zu machen? Nein. Und ja. Berggreen musste er verkaufen, keine Diskussion. Aber einen schlagkräftigen Neuen für den Sturm hatte Torsten Lieberknecht bereits lange vorher angemahnt. Hier hätten also einige Kontakte zu interessanten Spielern bestehen müssen. Oder hatte sich Eintracht wirklich nur auf Domi Kumbela, den 31jährigen Stoßstürmer ohne Spielpraxis, fokussiert? Das wäre fahrlässig und nicht nachvollziehbar.

Was übrig bleibt, ist ein qualitativ und quantitativ ausgedünnter Kader. Ein seltsames Signal zum Angriff auf den Relegationsplatz. Jetzt muss man mit dem, was man hat, klarkommen. Und das sind die Stürmer Domi Kumbela, Orhan Ademi und Julius Düker. Bereits am kommenden Wochenende wird mindestens einer von ihnen beweisen müssen, dass die Kritiker, die Eintracht einen negativen Klassenerhalt vorwerfen, im Unrecht sind. Dann geht es zum Rückrundenstart nach Leipzig zum Tabellenführer. Wenn man so will, der Laktattest für die Rückrunde.

Till

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Dies ist eine Kolumne von Till Oliver Becker. Die Meinung des Autors entspricht nicht zwingend der Meinung unserer Redaktion

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Karate – Murmeln 13: Negativer Klassenerhalt …

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