Karate – Murmeln 22: Liebe Bayern-Fans, Ihr tut mir leid

24. Mai 2016
Karate bis Murmeln. Foto: privat

Der FC Bayern München hat das Double gewonnen. Deutscher Fußballmeister und Pokalsieger, das ist schon was. Und landauf, landab feiern Bayern-Fans diesen tollen Erfolg. Sie hauen Statusmeldungen bei Facebook heraus, vielleicht auch bei Twitter, legen den Bayernschal ins Auto und prosten sich eskalierend bei der Grillfeier zu. Ein Land im Ausnahmezustand?


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Man merkt, ich kann damit nichts anfangen. Dabei bin ich gar kein Bayern-Hasser. Im Gegenteil habe ich größten Respekt vor den Leistungen dieses Vereins, der sich diese komfortable Position schließlich selbst erarbeitet hat. Und in der Bundesliga gibt es längst eine ganze Reihe von Teams, die ich deutlich unsympathischer finde, weil sie sich ihren Erfolg kurzfristig kaufen konnten. Dass die Bayern mittlerweile fast schon in einer eigenen Liga spielen, kann man ihnen nicht vorwerfen. Der FCB macht eben wenig Fehler. Und selbst wenn, könnte man sie sich mittlerweile leisten und bald korrigieren.

Wofür mir aber das Verständnis fehlt, ober besser das Verstehen, das sind die Bayern-Fans. Nein, natürlich wird niemand gezielt Bayern-Fan, weil er oder sie so gerne jubelt oder endlich auch mal auf der Gewinnerseite stehen will. Das wird zwar gern zum Sticheln behauptet, ist aber Blödsinn. Irgendwann, oft in früher Kindheit, hat sich das nun einmal so entwickelt. Und natürlich gibt es sie auch beim FC Bayern, die echten Die-Hard-Fans, die Allesfahrer, die total Bekloppten. Trotzdem bestehen riesige Unterschiede zwischen Bayern-Fans und Anhängern anderer Klubs.

Bayern-Fans sind zum Beispiel oft unerträglich arrogant. An ein Erlebnis erinnere ich mich da noch besonders gut. Als der FCB vor einigen Jahren in Osnabrück zum Pokalspiel antrat und der bereits damalige Drittligist dem Rekordmeister ordentlich Paroli bot, hatte der Bayern-Block nichts Besseres zu tun, als „Wenn wir wollen, kaufen wir Euch auf“ zu singen. Ein Moment zum Fremdschämen. Und es ist kein einmaliger Ausrutscher gewesen, denn diese Gesänge gab und gibt es immer wieder, wenn die Bayern gegen einen Underdog nicht gut aussehen.

Überhaupt, wenn man mit Bayernfans zu tun hat, bestimmt dieses „wir können kaufen, wen und was wir wollen“ bald die Diskussion. Und: „Du bist ja nur neidisch!“ Nö, bin ich nicht. Es stünde mir ja frei, mich selbst als Bayern-Fan zu bezeichnen. Die Grundausstattung an Fan-Utensilien ist schnell und preiswert zu bekommen. Das ist übrigens das Tolle, wenn ein Klub so richtig groß und erfolgreich ist: Man bekommt Devotionalien fast schon hinterhergeworfen. Wenn ich dagegen daran denke, wie lange ich auf mein erstes Eintracht-Trikot warten musste. Es gab ja nix. Umso stolzer trug ich das Shirt dann spazieren, zu jeder Gelegenheit. Und der Schal, den hatte meine Mama gestrickt.

Von Neid also keine Spur, das Gegenteil ist der Fall. Mir tun die meisten Bayern-Fans sehr leid. Und das ist nicht böse gemeint. Sie tun mir leid, eeil sie die schönsten Dinge im Leben eines Fußballfans verpassen. Das wirkliche Dabeisein zum Beispiel. Im Stadion mitfiebern können sie nicht, denn sie leben sonst wo in Deutschland und kennen ihre Helden wohl meistens nur aus dem Fernsehen. Und was ist mit Emotionen? Haben sie jemals erfahren, wie es ist, so richtig zu leiden? Bayern-Fans werden es nie verstehen, aber gerade die Misserfolge sind es, die das Fanleben ausmachen. Wer zu den Münchnern hält, sieht bereits das Verpassen des Champions-League-Endspiels als Tiefpunkt, denn die nationalen Titel sind schließlich bereits Pflicht.

Ich bin Fan von Eintracht Braunschweig, seit 1984. In meinem Fanleben gab es genau einen Abstieg mehr als Aufstiege, der einzige nationale Titel wurde sieben Jahre vor meiner Geburt gefeiert. Zwei Mal gewann die Eintracht den Landes-Pokal, 2004 und 2011. Eine demütigende Veranstaltung, bei der sich der gefühlte Bundesligist in eine Liste einreiht mit den Sportfreunden Ricklingen, dem FC Schüttorf oder Schwarz-Weiß Rehden. Gefühlt habe ich zehn Mal mehr Niederlagen erlebt als Siege. Und zuletzt ist sogar der VW-Verein VfL Wolfsburg in der ewigen Bundesligatabelle an Eintracht vorbeigezogen. Ein Verein, der noch in den Achtzigern in der dritten Liga spielte und dort weniger Zuschauer begrüßen durfte als der MTV Gifhorn.

Und trotzdem bin ich froh, dass mein Vater mich damals, im April 1984, mit zur Eintracht nahm. Übrigens waren wir kurz vorher in Hannover bei einem DFB-Pokalspiel. Aber da hat es bei mir nicht gezündet. Meine Liebe wurde Eintracht, dieser ständig schlecht geführte, sportlich durchgehend enttäuschende kleine Klub aus dem Zonenrandgebiet. Der Verein mit dem Hirsch auf der Brust (was ich damals nicht verstand, schließlich waren es doch die Löwen!), dem heruntergekommenen Stadion an der Hamburger Straße, bei dem die Kutten viel später ausstarben als im Hochglanzbezirk der Bundesliga. Dieser Verein, der ständig große Pläne hatte, sich selbst in der Bundesliga sah, aber irgendwie doch gewollt in die dritte Klasse abrutschte. Bei dem sich Selbstdarsteller und Blender die Klinke in die Hand gaben. Und der immer dann, wenn es wichtig wurde, verkackt hat.

Ich habe nur wenige wirklich schöne Erinnerungen an Eintrachts Spiele. Die ganz klare Nummer eins ist dabei sicherlich der letzte Spieltag der Regionalliga-Saison 2001/02. Eintracht musste im Heimspiel gegen Wattenscheid 09 unbedingt gewinnen, um nach ewig langen neun Jahren die Rückkehr in die zweite Bundesliga feiern zu können. Nach 90 Minuten stand es 1:1, zeitgleich führte Rot-Weiß Essen bei Preußen Münster mit 3:1. Würde der Schiedsrichter jetzt abpfeifen, Eintracht hätte es schon wieder nicht gepackt.  Das Spiel lief zwar noch, Schiedsrichter Stefan Weber aus Eisenach hatte genügend Gründe für ein paar Extra-Minuten. Aber die Sekunden verliefen viel zu schnell. Ich erinnere mich noch, wie ständig falsche Ergebnisse aus Münster die Runde machten, während Eintracht sich an der Abwehr der Bochum-6er die Zähne ausbiss. Und als keiner mehr an das Wunder glaubte, passierte es doch noch: Flanke in den Strafraum, Kopfballverlängerung Bernd Eigner, und Thomas Piorunek köpfte das Leder unhaltbar ins Tor zum 2:1!

In diesem Moment brach in Braunschweig die Hölle los! Die ersten stürmten den Rasen, aber die Partie war ja noch nicht abgepfiffen. Also alle wieder runter vom Spielfeld. Weber ließ noch einmal anstoßen, Wattenscheid spielte einen letzten halbherzigen Angriff, dann war Schluss. Der Frust von neun Jahren dritter Liga, in diesem einen Augenblick wie weggewischt. Die meisten liefen aufs Spielfeld, sicherten sich Rasenstücke, eine Gruppe junger Männer transportierte sogar eines der Tore ab. Ich weiß noch, dass ich mich überhaupt nicht bewegen konnte. Ich stand im Neuner an einen Wellenbrecher gelehnt, meine Beine versagten. Und ich heulte. Minutenlang, bis mich Freunde von dort wegzogen.

Der Rest des Abends, der Nacht, war pure Feierei. Wir blieben noch einige Zeit am Stadion, dann zogen wir los in die Innenstadt. Im Magniviertel stieg die härteste Party, die ich bisher erlebt habe. Es hatte sich bei den Fans so viel angestaut, das jetzt rausgelassen werden wollte. Es war einfach unbeschreiblich. Irgendwann gesellten sich Teile der Mannschaft dazu, Manager Dirk Holdorf, Trainer Peter Vollmann auch. Ich weiß nicht mehr, ob und wo ich geschlafen habe und wie ich zurück nach Hildesheim gekommen bin.

Liebe Bayern-Fans, Hand aufs Herz: Habt Ihr jemals so gefeiert wegen eines Fußballspiels? Habt Ihr losgeheult vor Freude? Wie fühlt es sich an, wenn man den xten Meistertitel, den xten Pokalsieg einfährt? Was ist daran noch besonders? Die Bilder, die man von den offiziellen Feiern des FC Bayern mit seinen Fans sieht, sind harmlos. Da eskaliert nichts, Feierbiester sehen anders aus.

Nein, ich beneide Euch Bayern-Fans nicht. Klar, es wäre schon toll, wenn Eintracht mehr Spiele gewänne. Wenn man sich in der Bundesliga wieder festsetzen könnte, vielleicht sogar mal einen Titel nach Hause holte. Muss ja nicht die Meisterschale sein, der DFB-Pokal tut’s auch. Aber gerade weil die Eintracht kein Titel-Abo hat, weil kein Spiel bereits vor dem Anpfiff gewonnen ist und weil jeder Cent mehrmals umgedreht werden muss, bin ich mit diesem Klub und seinen handverlesenen Fans so intensiv verbunden. Ich fürchte, das wiederum werdet Ihr nie verstehen.

Till

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Dies ist eine Kolumne von Till Oliver Becker. Die Meinung des Autors entspricht nicht zwingend der Meinung unserer Redaktion.

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