Achtung! Sie verlassen den journalistischen Sektor!

8. Juni 2019
Manchmal hart, aber unbedingt ehrlich: Leidenschaft Fußball. Symbolfoto: Agentur Hübner
Braunschweig. Für einen Artikel über Eintracht-Trainer Andre Schubert wurde regionalsport.de von wenigen hart und teilweise auch über die Grenzen des Erträglichen kritisiert. Warum dieser Artikel aber richtig und wichtig war, und warum die Autoren diese Entscheidung jederzeit wieder genauso treffen würden, erklärt Till Oliver Becker.

Die Situation ist nicht neu: Immer dann, wenn Journalisten ein Thema anpacken, das emotional aufgeladen ist, besteht eine große Gefahr, dass nicht die Handelnden, sondern der Bote für die Meldung bestraft wird. So auch in diesem Fall. Vor wenigen Tagen hat regionalsport.de die Trainerdiskussion bei Eintracht Braunschweig aufgegriffen (Mehr hier). Mitten hinein in eine fast schon mit Händen greifbare Aufbruchsstimmung, scheinbar contra zu einer großen Sympathiewelle, auf der der erfolgreiche Coach seit Wochen surft. Dass uns dafür keine heiße Liebe entgegenschlagen wird, war uns bewusst. Aber das Thema stand im Raum wie der sprichwörtliche weiße Elefant – jeder sieht ihn, aber niemand spricht darüber.
 
Aus irgendeinem Grund war die Diskussion über Andre Schubert und seine Zukunft beim BTSV tabu. Nicht in den angesagten Internet-Foren, aber zumindest für uns Medienvertreter. Anstatt dieses Thema anzupacken, das die Fans so brennend interessiert, haben wir es gemieden wie der Teufel das Weihwasser. Zumindest wir wissen jetzt, warum kein anderes Medium sich vorwagte, die verschiedenen Gerüchte (die auch die Kollegen kannten) zu sammeln, zu bewerten und zu gewichten. Es ist ein Thema, bei dem man nur verlieren konnte. Und dann ist auch die Protagonistenpflicht ein nur noch schwer überzeugendes Argument. Die Kollegen der Braunschweiger Zeitung zum Beispiel haben sich hier wohl cleverer verhalten. Vielleicht muss man weiße Elefanten manchmal ignorieren. Auch dann, wenn es dem eigenen journalistischen Anspruch widerspricht. Oder?
 
Was auf den Artikel folgte, lässt sich schnell zusammenfassen. Eine überwältigende Mehrheit der Leser verstand, was wir taten: Wir berichteten über eine unangenehme Sachlage, und das möglichst emotionsfrei. Wobei, auch Frank Vollmer und ich sind Fans. Natürlich wünschten wir uns, ständig nur über Erfolge der Eintracht schreiben zu können. Aber die Realität sieht leider anders aus. Unangenehme Themen gehören also mit zum Berufsalltag. Sie zu ignorieren, wäre eine Art von Zensur. Eine freiwillige Schere im Kopf. Und somit ein NoGo für einen Journalisten.
 
Neben denjenigen, die den Artikel über Andre Schubert verstanden hatten und ihn einordnen konnten, gab es allerdings leider auch andere. Fans, die uns Meinungsmache vorwarfen. Dass wir Schubert wegschreiben wollten, dem Verein schaden. Das ist natürlich Blödsinn. Der Artikel ist eine reine Sammlung dessen, was beim BTSV passiert. Rekonstruiert mit den Informationen von zuverlässigen Quellen aus dem Verein und seinem Umfeld. Diese Quellen braucht jeder Journalist, sonst kann er nicht arbeiten. Oder anders: Wenn ein Journalist nur schreibt, was Vereine, Parteien oder Firmen offiziell bestätigen, dann ist er kein Journalist. Sondern PR-Fachkraft.
 
Der Artikel zu Andre Schubert war vor einigen Tagen richtig und wichtig, und er ist es immer noch. Keinem einzigen der Inhalte konnte widersprochen werden. Weder von Eintracht, noch von den Kollegen der Braunschweiger Zeitung, denen zwischendurch ein Interview mit Schubert gelang. Warum? Weil der Artikel inhaltlich nicht zu beanstanden ist. Hätten wir gelogen, hätten wir Schubert dissen wollen oder der Eintracht schaden, der Club hätte umgehend dementiert. Und uns wahrscheinlich auch -zurecht – mit einer einstweiligen Verfügung beigebracht, wo der Frosch die Locken hat. Nein, sämtliche Aussagen im Artikel sind korrekt. Und wir vertrauen unseren Quellen, weil sie uns noch nie enttäuscht haben. Auch in diesem Fall nicht. Gleichzeitig erteilen wir denjenigen eine Absage, die jetzt fordern, wir sollten diese Quellen offenlegen. Das werden wir natürlich nicht. Ein solches Verhalten wäre journalistischer Selbstmord. Niemand spricht noch mit einem Autoren, der seine Quellen preisgibt.
 
Andre Schubert ist ein hervorragender Trainer, das hat er nicht erst bei Eintracht bewiesen. Dass in seinem Umfeld manche Menschen nicht mit seiner Art klarkommen, ist allerdings auch kein Geheimnis. Die Vielzahl an Informationen, die uns zuletzt erreichten, zeigte: Diese Situation war nachzuzeichnen, auch weil von Seiten Eintracht Braunschweigs viel Interpretationsspielraum gelassen wurde. Wenn das für wenige bereits reicht, uns Lügen und Stimmungsmache vorzuwerfen, dann ist es zwar schade, aber nicht zu ändern. Dann haben diese Fans weder verstanden, was wir geschrieben haben, noch was der Job eines Journalisten ist. Oder anders ausgedrückt: Wir können es Euch erklären, aber wir können es nicht für Euch verstehen. Das ist dann Euer eigener Job.
 
Zum Abschluss nehme ich noch ein besonders bizarres Gerücht auf. In einem Diskussionsfaden auf Facebook hat tatsächlich jemand vermutet, Frank und ich steckten hinter dem Anti-Burmeister-Transparent. Wir sind gerade sehr froh, dass wir beim Attentat auf John F. Kennedy noch nicht lebten, so haben wir wenigstens dafür ein Alibi. Ernsthaft: Bleibt mal auf dem Teppich. Wir nehmen jede Kritik gern an, die gerechtfertigt ist. Und wir stellen uns auch jederzeit der Diskussion. Das Gepöble von Fake-Accounts in den sozialen Medien aber ignorieren wir ab sofort.

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