Diese Ex-Profis wissen, wie man den Torlos-Fluch besiegt!

23. Oktober 2019
Wir haben nachgefragt bei Leuten, die sich mit Ladehemmungen auskennen. Fotos: Agentur Hübner/Vollmer/imago
Braunschweig. Stolze 244 Minuten dauert die Ladehemmung bei Eintracht Braunschweig nun schon an. Doch was hilft, damit die Treffsicherheit wiederkehrt? Diese Frage kann nur beantworten, wer selbst schon ähnliches erlebt hat. regionalsport.de sprach mit einigen ehemaligen Löwen, einem Rekordtorschützen und einem "Kühlschrank" und holte so wertvolle Tipps aus persönlichen Erfahrungen ein. Ein Beitrag von Henrik Stadnischenko.

„Immer locker bleiben“

Obwohl Marco Calamita 2011 letztmals das Eintracht-Trikot getragen hat, verfolgt er die Löwen immer noch interessiert aus der Ferne und kann die momentane Torkrise als ehemaliger Angreifer sehr gut nachempfinden. „Ich glaube, am wichtigsten ist es, in dieser Situation locker zu bleiben, weiter an sich zu arbeiten und Zusatzschichten nach dem Training zu schieben“, rät der 36 Jahre alte Italiener.

Eines hebt Marco Calamita dabei sehr positiv hervor: „Solange man sich die Torchancen erarbeitet ist man im Soll! Und ich bin mir sicher, wenn das erste Tor fällt, kommen die weiteren Tore in Serie hinterher“, erklärt Calamita, der es in seiner aktiven Zeit stets als wichtig empfand, sich nach dem Training überhaupt nicht mit dem Fußball zu beschäftigen: „Auch wenn es einem schwerfällt ist es wichtig, den Kopf freizubekommen. Das heißt, sich mit Dingen zu befassen, die gar nichts mit dem Sport zu tun haben.“

Marco Calamita erzielte 11 Tore in 51 Spielen für die Eintracht. Foto: Frank Vollmer/Archiv

„Oftmals hilft nur ein Tor!“

Daniel Graf war Publikumsliebling in Braunschweig und der Mann für die wichtigen Tore. Unvergessen bleibt sein 2:1-Siegtreffer im DFB-Pokal gegen Borussia Dortmund. Trotz der erfolgreichen Zeit bei der Eintracht gab es auch für Graf Phasen, in denen der Ball überall, nur nicht im Tor landete. „Diese Phasen gehören genauso zum Fußball, wie die Situationen, in denen man vor dem Tor alles richtig macht und man manchmal gar nicht weiß, wieso der Ball drin war“, erklärt die ehemalige Rückennummer 8, die überdies nachvollziehen kann, dass der Druck mit der Zeit steigt. „Natürlich beschäftigt man sich immer wieder damit, auch neben dem Platz. Es nagt auch am Selbstbewusstsein und am Glauben an seine eigene Qualität, je länger man nicht trifft.“

Genau das sei auch der Fehler, sich zu sehr damit auseinander zu setzen. „Eine gründliche Analyse, warum man die Chancen nicht gemacht hat ist hilfreich, aber zum Dauerthema sollte es nicht werden. In Phasen in denen es optimal läuft, setzt man sich auch nicht hin und fragt sich, warum es gut läuft“, so Graf, der ergänzt: „Meiner Meinung nach muss man in zwei Bereichen arbeiten: Die Arbeit auf dem Platz, Sicherheit gewinnen durch Abschlüsse in Übungen und Trainingsspiel, sowie im psychologischen Bereich. Auch wenn es schwer fällt, muss man an sich glauben und Selbstvertrauen haben. Man darf nicht an sich zweifeln oder sich selbst schlecht reden.“ Das sei deutlich schwerer, als die Arbeit auf dem Platz, aber der wichtigste Ansatz, um wieder erfolgreich zu werden. „Oftmals hilft dann nur ein Tor und es läuft!“

Daniel Graf war Publikumsliebling in Braunschweig. Foto: imago/HochZwei

„So wie man trainiert spielt man auch“

Wenn es um ehemalige Löwen-Torjäger geht, darf der Name Jürgen Rische natürlich nicht fehlen. In seiner gesamten Profi-Karriere erzielte der 48-Jährige in 580 Partien 137 Tore. Eine Torkrise gab es bei Rische nie: „Ich weiß gar nicht, ob es sowas zu meiner Zeit gab“, erklärt er lachend und schiebt nach: „Eine Torkrise ist nie schön und ich glaube, bis auf Robert Lewandowski hat die jeder Stürmer in seiner Karriere.“

Doch selbst der Weltstar vom FC Bayern München hatte im vergangenen Jahr gelentlich mit Kritik zu kämpfen, als er über mehrere Partien in der Champions League hinweg das Tor nicht traf. Welchen Ratschlag kann Jürgen Rische zum Thema Druck geben? „Jeder Mensch geht unterschiedlich mit Druck um. Einige beeindruckt es nicht, andere machen sich von Spiel zu Spiel immer mehr verrückt. Es gibt kein Allheilmittel. Ich habe die Erfahrung gemacht, jede Trainingseinheit dafür nutzen, um Tore, Tore, Tore zu schießen. So wie man trainiert spielt man auch“, so Rische. Und wenn die Fans ungeduldig werden? „Ruhe bewahren. Mit Pfiffen trifft man auch nicht schneller. Jeder der Eintracht-Stürmer hat schon gezeigt, dass er Tore machen kann und dies auch wieder passiert wird.“

Erfahrung pur: Jürgen Rische. Foto: Agentur Hübner/Archiv

„Hat nichts mit fehlendem Biss oder Willen zu tun“

Eine Erklärung für die Ladehemmung der Löwen versucht auch Thomas Seeliger zu finden. 74 Mal lief der torgefährliche Mittelfeldspieler Anfang der Neunziger für die Eintracht auf und erzielte dabei 15 Tore. Unter anderem stand er für die Eintracht im DFB-Pokal-Halbfinale in der Saison 1989/1990 auf dem Rasen.

„Eine Torkrise hat mit Sicherheit nichts mit fehlendem Biss oder Willen zu tun. Jeder Stürmer misst sich selbst an Toren und wird auch von der Öffentlichkeit so bewertet. Abgesehen davon sind sie ein Teil des ganzen Teams. Eine Mannschaft zeichnet auch eine gewisse Unberechenbarkeit aus und das beinhaltet auch Tore anderer Mannschaftsteile, auch wenn sie nur aus einstudierten Standards her rühren. Wie ist das ganze Spiel angelegt, wie werden Offensivspieler von Mitspielern eingesetzt, all das spielt eine große Rolle. Wenn dann die Offensivspieler in aussichtsreichen Situationen Chancen in großer Regelmäßigkeit vergeben, könnte es eine mentale Schwäche sein“, erklärt Seeliger

Der heute 53-Jährige blickt auf seine aktive Karriere zurück. „Ich weiß es selber noch von mir, wenn ich Dinge mit aller Macht erzwingen wollte, ging es meist nach hinten los. Als Mannschaft oder Stürmer benötigt man eine gewisse Lockerheit und Coolness. Ich muss mir im Training Selbstbewusstsein erarbeiten und irgendwann fährst du im Spiel deine Erfolgserlebnisse ein und es läuft. Keiner vergibt Torchancen mit Absicht, aber eine mentale Stärke kann ich als Spieler trainieren“, so Seeliger.

Thomas Seliger war auch als Mittelfeldspieler torgefährlich. Foto: privat

„Sonderschichten und Abschlüsse trainieren!“

Doch nicht nur ehemalige Löwen-Spieler sprachen gegenüber regionalsport.de von ihren Erfahrungen, sondern auch zwei Stürmer-Legenden im deutschen Profifußball.

Einer, dessen Namen eigentlich niemals im Zusammenhang mit einer Torkrise stand, war Ulf Kirsten. Die Torgefahr in Person und Rekordtorschütze von Bayer 04 Leverkusen und dennoch kann er mit den Stürmern der Braunschweiger Eintracht mitfühlen: „Ich denke, jeder Stürmer hat in seiner Karriere Phasen durchgemacht, in denen man nicht trifft. Es ist immer eine Frage, wie lange die Krise anhält. Mit der Zeit macht man sich Gedanken und analysiert, was man ändern kann“, verrät Kirsten.

Der ehemalige Deutsche Nationalspieler erklärt, was er in einer ähnlichen Situatuon verändert hat: „Ich habe nach dem Training Sonderschichten geschoben und nur Abschlüsse trainiert.“ Zudem findet er, ist die Unterstützung innerhalb des Teams unabdingbar. „Mir hat damals die Mannschaft und der Trainer geholfen, weil sie immer an mich geglaubt haben. Auch fände ich es falsch die Stürmer auf die Bank zu setzen, dies sorgt für noch weniger Selbstvertrauen.“

Eine Torkrise kennt Ulf Kirsten nicht. Hilfreiche Tipps hat der „Schwatte“ aber doch für uns. Foto: imago/Team 2

„Im Zweifelsfall noch härter an sich arbeiten.“

Wegen seiner Präsenz im Strafraum und seiner Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor hat Sven Demandt während seiner Zeit beim FSV Mainz 05 den Spitznamen „Kühlschrank“ verpasst bekommen. Mit 121 geschossenen Toren ist er der Rekordtorjäger in der zweiten Bundesliga. Infolgedessen käme man nicht auf die Idee, dass Demandt auch mal unter Ladehemmung gelitten hat.

„Als Angreifer gab es immer Phasen in denen man nicht getroffen hat. Man muss, versuchen locker zu bleiben. Und im Zweifelsfall noch härter an sich im Training arbeiten“, erklärt Demandt, doch was macht man, wenn der Druck größer wird? „Das die Erwartungshaltung irgendwann immer größer wird ist logisch. Zumal man sich selber unter Druck setzt. Auf der anderen Seite sollte man auf seine eigenen Stärken vertrauen und eine gewisse Entspanntheit entwickeln, auch wenn es nicht leicht fällt. Es gibt auch kein Patentrezept, nach dem ein Stürmer seine Krise beenden kann. Die einfachste Regel ist immer noch die Beste: Einfach weitermachen, immer weiter. Du triffst nicht, egal, weiter machen und notfalls das Tor erzwingen. Ganz wichtig sind auch Trainingstore, die einem Selbstvertrauen geben“, so „the Fridge“.

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