Einmal Arbeiter, immer Arbeiter [hey, hey]

13. Januar 2018
Der dienstälteste Coach der DEL hat sich in Wolfsburg einen Kultstatus erarbeitet. Grafik: Frank Vollmer
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Wolfsburg. Nach der Saison geht Pavel Gross nach Mannheim. Bei Frank Bröker erzeugt das ähnliche Gefühlswelten, wie einst der legendäre Abschied von „The Great One“ Wayne Gretzky bei den Edmonton Oilers. Ein unpassender Vergleich unseres Autors? Mitnichten!


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Der Kufenlotse verlässt die Stadt

Tatsachen, die keiner wahrhaben will, können sehr schmerzhaft sein. So auch im Sport. Ende Mai 1988 gewann das NHL-Team der Edmonton Oilers zum vierten Mal den Stanley Cup. Wenig später tauchten Gerüchte über einen Wechsel von Captain Gretzky nach Los Angeles auf. Im August kam es zum spektakulären Trade. Kanada verlor mit „The Great One“ die Identifikationsfigur eines ganzen Landes, das im Mutterland des Pucksports religiös verehrte Eishockey fiel für lange Zeit vom Glauben ab. Selbst der Ahornsirup schmeckte plötzlich bitter.

Als Pavel Gross am 09. Januar verkündete, der Eis Arena am Allerpark zum Saisonende den Rücken zu kehren, kulminierten in Wolfsburg ähnliche Gefühle. Der Kufenlotse des Erfolges, der Wolfsburg zu einem ausgewiesenen Eishockey-Standort in Deutschland machte, verlässt die Stadt. Selbst der Sülfelder Korn schmeckte plötzlich bitter.

„Der Weg der Arbeit“

Die Pavel Gross-Trainerstory ist jene eines fanatischen, akribisch-nüchternen Taktikers, eines Bandengenerals, der aus vergleichsweise minder bezahlten und bunt zusammengewürfelten Cracks alles herausholt, um echte Teams zu formen. Wenn einer seiner Zunft Emotionen perfekt aufs Team übertragen kann, dann der 49 Jahre alte gebürtige Tscheche aus Ústí nad Labem – und das bereits seit Antritt des Chefpostens zur Saison 2010/11. Die Mannschaft wurde Vorrundenerster, kegelte Köln und Krefeld kompromisslos aus dem Playoff-Baum und scheiterte im Kampf um die Krone in engen Fights am Ligaprimus Berlin.

Die Etats schossen daraufhin keineswegs in die Höhe, auf dem Papier durfte von großen Sprüngen nie die Rede sein. Vermeldete Manager Charly Fliegauf die Verpflichtung eines Ex-NHL-Stars? Unterschrieb Kai Hospelt einen Monstervertrag zu den sogenannten „verbesserten Konditionen“? Fehlanzeige. Gross scharrte stets neue Feierbiester, gesättigte Familienväter und ausgemusterte Langzeittalente um eine gefürchtete Core-Group der Marke Höhenleitner-Haskins-Furchner. Sein Spezialgebiet: Flausen austreiben, auf die Mentalkarte setzen, auf Teamgeist statt auf individuelle Klasse. Unpopuläre Maßnahmen inbegriffen: Wer sich verweigerte, wurde nicht nur wie andernorts üblich zum Nachdenken auf die Tribüne verbannt, nein, ein ausgeklügeltes Fitnessprogramm brachte ihn wieder zur Vernunft und letztlich alter Stärke.

Offene Hemden nach Schichtende

Gross gilt als unermüdlicher Motivator für den Underdog-Feldzug. Seit 2012 immer mindestens im Playoff-Halbfinale vertreten, reichte es bis dato zu zwei weiteren Vizemeisterschaften. Derartiges gelang bisher keinem anderen DEL-Club. Wolfsburg gilt als Abgrund ohne doppelten Boden: In den Playoffs stürzt immer mindestens ein Favorit ab. Auch wenn mancher Weg dornig war, Niederlagen zu Serien wurden: Der Coach bekam die Zeit, das strauchelnde, gebeutelte Team wieder in die Spur zu führen.

Von der Clubführung, von den Fans, und die lieben ihren Ehrgeizling. Gross‘ Knigge verrät Sätze wie: „Wir dürfen nicht versuchen schön zu spielen, wir sind Arbeiter“, oder: „Wir müssen den Weg der Arbeit, den Grizzlys-Weg gehen“, oder „Wenn wir denken, wir können den Gegner mit Talent schlagen, dann sind wir fehl am Platz, wir sind nicht die Truppe mit Talent“. Sätze, die dem dienstältesten DEL-Coach Kultstatus in der Arbeiterstadt verliehen. Sein Markenzeichen, das offene Hemd, sieht man nach Schichtende in jeder VW-Umkleide.

„Die orange Arbeitercrew“

Von der Tafel aufs Eis gebracht sieht das Spiel der Wolfsburger im Erfolgsfall so aus: Nicht nur die Laufstärke und die Qualitäten an der Scheibe machen die Grizzlys so unangenehm, sondern das dauernde, zerstörerische Festschnüren der Gegner im „Good Ice“, fern ab vom Kasten Felix Brückmanns. Dicht am Mann, hier ein Check, da ein nettes Wort, so zerkratzt die orange Arbeitercrew manches Nervenkostüm. Überfallartige Forechecks folgen, die Blaue Linie und der Rest vom Fest werden überrannt. Bäm! Läuft in der Crunch Time alles gegen Wolfsburg – der Coach schützt seine Mannen und macht nach dem Schluss-Buzzer verbal so weiter, als würde ein frustrierter Crack die Handschuhe fallen lassen. Fucking Oberligist!

„Palaver-Pavel“ – der Unvollendete?

Und dennoch. Der große DEL-Titel blieb dem Headcoach bisher verwehrt. Zuletzt gingen die Finalserien gleich zweimal verloren. Stets wirkte Gross anschließend furchtbar traurig und desillusioniert. Der Arbeiter hatte sein Werk nicht vollenden können. Kurz vorm Ziel blieb der qualmende VW Käfer gegen den schnittigen 5er BMW aus München einfach stehen. Fürs ganz große Eishockeywunder reichte es bisher nicht. Wie denn auch? Der Kader war einfach nie tief genug, die Leistungsträger angeschlagen, das Team kroch auf dem Zahnfleisch. Pavel Gross aber will diesen Titel. Und noch einen.

Jetzt wartet Mannheim, bald wird er das Adlernest regieren. „Nach zehn erfolgreichen Jahren mit den Grizzlys sehe ich die Möglichkeit, mich weiterzuentwickeln und eine neue Herausforderung anzunehmen“, ließ Gross verlauten. Rund um die SAP-Arena polarisiert er trotz seiner Vergangenheit als meisterlicher Greifvogel mit der Trikotnummer 10 jetzt schon. Mit dem aktuellen und damaligen Coach „Kill, The Agent Provocateur“ Bill Stewart lieferte sich Gross vor 16 Jahren in den Playoffs eine Prügelei. Spielte Wolfsburg in Mannheim, wurde aus ihm der „Palaver-Pavel“. Seine Schiedsrichterdispute („Videobeweis! Videobeweis!“) waren legendär. Ein heiliges Mittel nicht nur um „Dinge anzusprechen“, sondern vor allem, um dem Team eine Verschnaufpause mehr zu gönnen. „Pavel, du Arschloch“ schallte es darunter von den Rängen. Man schimpft halt gerne besonders laut über einen, den man gerne in den eigenen Reihen hätte.

Meister 2018!

Mannheim gilt wie Wolfsburg traditionell als Arbeiterstadt. Der Schichtbetrieb bei Bilfinger, Südzucker und Schrott Wetzel ist an Rhein und Neckar allerdings angenehmer. Das Gros der Adlerfans schafft es, im Gegensatz zu den VW-Kollegen in Wolfsburg, stets pünktlich zum Anbully in die Arena. Dort benötigt Mannheim einen Vorarbeiter, einen Meister seines Fachs, einen wie Pavel Gross. Die Schlips-Kragen-Fraktion will niemand mehr sehen (bange Frage: Wird der neue Coach dennoch eine SAP bestückte Krawatte tragen müssen?)

Ja, für Pavel Gross geht es nach Mannheim. Trotz großen Geldes, trotz NHL-Power im Kader, trotz hervorragender Nachwuchsarbeit gleichen die Adler Anfang 2018 einer Horde körperloser Ackergäule. Man kann, Patrick Reimer hat es neulich mit einer Pylonen-Einlage vorgemacht, als gegnerisches Springpferd mühelos mit der Scheibe durch die Neutrale Zone kurven, in Gretzkys Büro eine Briefmarke anlecken und den Puckbrief recht erfolgreich vors Mannheimer Tor abschicken.

Sowas wird es in der nächsten Saison mit Sicherheit nicht mehr geben. Für Mannheim kommt die Nummer 10 nach Hause. Und Wolfsburg wird Deutscher Eishockeymeister 2018. Pavel Gross, das große Kind des Prager Frühlings, hätte es wahrlich verdient.

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Frank Bröker ist Autor einiger vielbeachteter Eishockeybücher. Seine neueste Publikation „Unsere Welt ist eine Scheibe – Eishockey international“ ist im Verlag Andreas Reiffer erschienen und im Handel erhältlich. Die Meinung des Autors entspricht nicht zwangsläufig der Meinung unserer Redaktion

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