Dieter Zembski (kleines Foto) erlebte die ruhmreichen Braunschweiger Zeiten.
Dieter Zembski (kleines Foto) erlebte die ruhmreichen Braunschweiger Zeiten. Foto: Hartmut Neubauer
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28.02.2020

Elf Freunde? Von wegen …

von Dieter Zembski


Braunschweig. Als die deutsche Fußball-Nationalmannschaft 1954 in Bern durch einen 3:2-Sieg gegen Ungarn zum ersten Mal Weltmeister wurde und damit eine ganze Nation in einen Freudentaumel stürzte, entstand der legendäre Begriff der „Elf Freunde“. Diese Formel wurde für uns als Kinder der Schlüssel zum Erfolg! Einer für den Anderen! Daran habe ich auch geglaubt. Bis das Fußballspielen für mich zum Beruf wurde!

Die ersten Risse dieser These entstanden bei mir nach einem halben Jahr als Profi. Als aus dem Fußball “spielen“ ein Beruf mit täglich gefordertem Leistungsnachweis wurde und ich die Gruppendynamik und die Hierarchie einer Profitruppe kennenlernte. Diese Hierarchie zu durchbrechen und die Leiter immer eine wenig höher zu steigen war nur möglich, in dem man ein Ziel nie aus den Augen verlor: besser als der Konkurrent zu sein! Mit allen Mitteln!

Da jede Position doppelt besetzt war (heute fast dreifach) musste man dem Trainer unter der Woche beweisen: an mir kommst du nicht mehr vorbei, ich spiele Samstag! Erst wenn du dieses verinnerlicht, begriffen und praktizierst, wirst du zum Profi! Und damit kannst du deine „elf Freunde“ getrost in den Mülleimer werfen! Es galt, im täglichen Training zum „Einzelkämpfer“ zu werden, deinen Posten zu erringen oder zu festigen, ohne zu vernachlässigen, dieses in den Dienst der Mannschaft zu stellen.

Als Sepp Piontek 1969 bei Werder durch eine Knieverletzung ausfiel, bekam ich meine große Chance – die Position des rechten Verteidigers habe ich nicht wieder hergegeben und große Gedanken, warum das so war, machte ich mir nicht! Ich war froh, endlich spielen zu können! Es mag für Außenstehende schwer zu begreifen sein, aber in der Anfangsphase deiner Karriere ist dir auch deine eigene Leistung viel wichtiger als das Ergebnis. Hauptsache deine Leistung wurde allgemein als gut bezeichnet! Klingt hart, ist aber so! Du willst ja nach oben.

1971 bekam ich meine zweite Einladung zur Nationalmannschaft. EM-Qualifikation Polen-Deutschland in Warschau. Paul Breitners erstes Länderspiel. Ich auf der Bank. Paule spielte einen schlampigen Rückpass, Gadocha erzielt das 1:0 für Polen. Meine Reaktion: äußerliches Bedauern, innerliches Frohgefühl: jetzt bist du dran! Weit gefehlt – Paule spielte weiter, Deutschland gewann 3:1 und wurde 1972 Europameister.

Szenenwechsel: die „Millionentruppe“ Werder Bremens Anfang der siebziger Jahre. Neue Spieler brachten das Gehaltsgefüge durcheinander (die Stadt half Werder). Nur: die Leistung stimmte nicht. Das Ergebnis: hauen und stechen im Training! Von elf Freunden konnte da nicht ansatzweise gesprochen werden!!

Szenenwechsel: Braunschweig in Köln am 8.9.1979. Trainer Heinz Lucas. Halbzeitstand 1:2. Lucas nimmt Didi Erler und mich in der Halbzeit aus dem Spiel, ersetzt uns durch zwei junge Spieler. Wir setzten uns also nebeneinander auf die Bank und schauten zu. Dann fielen die Tore für Köln: 47. 66. 78. 81. 87. 90. Minute – Endstand 1:8! Bei jedem Gegentor zeigten wir „obenrum“ Bedauern, stießen uns „untenrum“ an: recht so, du Idiot! Die Entlassung des Trainers folgte nicht sehr viel später …

Ja, ja, die elf Freunde. Die Ausnahme einer langen Karriere ist der Bestand von Freundschaften aus dieser Zeit. Wenn man das Glück hat, dieses zu erleben (ich bin so ein Glückspilz) darf man einfach nur dankbar sein. Und ich darf sagen: ich bin es!
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Diese Kolumne von Ex-Löwe Dieter Zembski erschien im Fußballmagazin abseits° Ausgabe 15.


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