24 Tore zum Aufstieg und ein Tor des Monats: Ahmet Kuru.
24 Tore zum Aufstieg und ein Tor des Monats: Ahmet Kuru. Foto: imago/Hübner
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27.02.2020

Gestern Eintracht, heute: Ahmet Kuru – drei weiße Tauben

von Henrik Stadnischenko


Braunschweig. Lübeck, Rückfallzieher, Tor des Monats. Drei Worte reichen aus und jeder Eintracht-Fan weiß, wer der neuste Protagonist von „Gestern Löwe, heute:“ ist.

Von Möwen und Tauben


Als wir Ahmet Kuru telefonisch in seinem Haus in Ordu an der türkischen Schwarzmeerküste erreichen hört man Hintergrundgeräusche, die wohl zu Möwen gehören. Trotzdem denkt man sofort an „Kuru, Kuru, Kuru, die drei weißen Tauben“. „Die Zeit in Braunschweig war fußballerisch meine schönste Zeit“, so Ahmet Kuru. Dass er dies so klar sagt, hat schon was zu bedeuten. Schließlich genießt Kuru in Ordu ein wenig mehr Legendenstatus als in unserer Löwenstadt.

Als aktiver Spieler hatte er Orduspor nach 26 Jahren Zweitklassigkeit in die erste türkische Liga geschossen. „Ich lebe hier mit meiner Frau, meiner kleinen Tochter und genieße einfach das Leben. Ich habe demnächst vor, hier einen Fußballkomplex zu bauen. Mit Fußballschule, Restaurant und Spielplätzen. Die Jugend ist unsere Zukunft und die müssen wir unbedingt fördern“, betont der mittlerweile 37-Jährige. Einmal im Jahr kommt der sympathische Ex-Stürmer zurück in die Löwenstadt, da hier die Schwester seiner Frau lebt und er noch viele Freunde und Bekannte hat. Zuletzt war er beim Hinrundenspiel gegen Chemnitz im Stadion.

Die momentane Situation stimmt ihn traurig: „Eintracht ist kein Drittligaverein. Wenn ich sehe, welche Vereine in der zweiten Liga spielen, die kein Fanpotenzial haben und dann schaue ich mir Eintracht an, die letztes Jahr nur knapp den Klassenerhalt in der dritten Liga geschafft haben, stimmt mich das extrem traurig. Ich hoffe, dass die Eintracht in dieser Saison irgendwie die Rückkehr in Liga Zwei schafft, notfalls über die Relegation“, so Ahmet Kuru, der begeistert war, dass er beim Chemnitzspiel von vielen Fans angesprochen wurde. „Wie lange spiele ich schon nicht mehr für die Eintracht? Das zeigt einfach, was für besondere Fans in Braunschweig leben und vor allem das Dankbarkeit keine Einbahnstraße ist." Die Fans seien immer sehr temperamentvoll, aber genauso respektvoll.

"Wenn wir schlecht gespielt haben war die Beleidigung genauso angebracht, wie das Lob bei Siegen. Die Fans hatten ein gutes Gefühl dafür, wer kämpft und wer nicht. Ich kann mich an ein Spiel gegen den VfL Bochum erinnern. Alleine ich habe drei, vier Großchancen vergeben. Am Ende haben wir 0:0 gespielt. Ich hatte die Befürchtung die Fans pfeifen, zeigen ihren Unmut, doch das Gegenteil passierte. Nach dem Abpfiff wurde minutenlang gesungen. Wir wurden aufgebaut. Es war eine Stimmung von: Egal was passiert, wir stehen hinter euch. Diesen Moment werde ich nicht vergessen. Wir als Team haben versucht immer bis zum Anschlag zu kämpfen und vor allem nicht aufzugeben. Wir haben für uns und für die Fans gespielt. Es gab kein ihr Fans und wir Mannschaft, sondern die Spieler, die Fans, der Trainer, alle waren Eintracht Braunschweig, alle waren eine Einheit“, macht Kuru unmissverständlich klar.

In der Rangliste der Rekordtorjäger nimmt Ahmet Kuru keinen der vorderen Plätze ein und dennoch genießt er auch noch heute große Sympathien bei den Eintracht-Fans, was sicher auch damit zusammenhängt, dass er den Verein fast im Alleingang in die zweite Liga geschossen hat. Und genau das stört den Ex-Löwen: „Wenn wir nicht Thorsten Stuckmann im Tor gehabt hätten, wären wir nicht aufgestiegen. Wenn unsere Abwehr um Marco Grimm nicht funktioniert hätte, wären wir nicht aufgestiegen. Ich kann das noch weiter ausführen. Ich bin sicher nicht der Held, sondern ein Teil einer Heldenmannschaft. Du kannst nur Erfolg haben, wenn du wirklich eine Mannschaft hast und die Mannschaft muss auch neben dem Platz funktionieren. Wir hatten feine Charaktere im Kader. Natürlich wollte jeder spielen, aber wenn man mal draußen gesessen hat, hat man nicht rumgestänkert, sondern von außen gepusht, als Art dritter, vierter Co-Trainer“, betont Kuru.

Das Tor des Monats


Dass er manchmal nur auf den Fallrückzieher reduziert wird und nicht auf seine 24 Tore in der Aufstiegssaison stört ihn nicht: „Als Stürmer sollte man die Fans unterhalten, dafür gehen die Zuschauer doch ins Stadion. Wenn mich der eine Fan als 24-Tore-Mann in Erinnerung hat bedeutet mir das genauso viel, wie jemand, der sich wegen dem Tor des Monats an mich erinnert“, sagt Kuru, der das „Tor des Monats“ nochmal aus seiner Sicht beschreibt.

„Man muss dazu sagen, ich habe fünf Minute vor dem Tor bereits einen Versuch gestartet, bin aber kläglich gescheitert. Jürgen Rische tankt sich auf der rechten Seite durch und flankt perfekt auf mich. Ich löse mich von meinem Gegenspieler und hebe ab. Das wars, so einfach“, sagt Kuru lachend. So einfach kann es doch nicht gewesen sein? Ahmet Kuru gibt zu, ein wenig Training gehört dazu. „Wir jungen Spieler hatten immer den Traum in der Bundesliga zu spielen, also haben wir nach dem Training Sonderschichten geschoben. Mal 30 Minuten, mal eine Stunde. Hauptsache wir wurden besser“, sagt der 37-Jährige.

Der Hauptgrund für den damaligen Aufstieg war laut Kuru die „ausgelassene, fantastische Stimmung innerhalb des Kaders“ und er erinnert sich dazu gerne an eine Anekdote: „Wir waren an einem Mannschaftsabend auf der Oker unterwegs, Torsten Sümnich sagte auf einmal ihm sei warm. Wir daraufhin: Torsten zieh dein T-Shirt aus, hier sieht dich eh keiner. Torsten erwiderte mit einem kurzen 'Nee' und sprang mit kompletter Kleidung in die Oker. Ein Bild für die Götter. Eigentlich hatten wir ursprünglich vor, nach dem Oker-Trip, noch irgendwo schick Essen zu gehen“, erklärt Kuru lachend.

Doch so sehr er die Braunschweiger Eintracht im Herzen hat, eine Sache nervt ihn noch bis heute: Dass er nach dem Aufstieg in die zweite Bundesliga keine Freigabe für einen Wechsel zum türkischen Spitzenverein Galatasaray Istanbul bekommen hat. „Der ehemalige Wolfsburg-Coach Eric Gerets war zur damaligen Zeit Cheftrainer bei Galatasaray und wollte mich unbedingt verpflichten. Eine Million US-Dollar war der Verein bereit zu bezahlen, Eintracht lehnte ab. Natürlich war ich traurig, aber meistens sind die Wege vorbestimmt und ich glaube ich kann mit meiner Karriere zufrieden sein“, sagt Kuru zum Abschluss am Telefon und im Hintergrund hört man wieder die Möwen oder waren es doch Tauben?

Familienmensch Ahmet Kuru. Foto: privat



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