Oft nur mit unfairen Mitteln zu stoppen, wie hier gegen Saarbrücken.
Oft nur mit unfairen Mitteln zu stoppen, wie hier gegen Saarbrücken. Foto: Agentur Hübner
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04.05.2020

Gestern Eintracht, heute: Benjamin Siegert, der Identifikationsspieler

von Henrik Stadnischenko


Braunschweig. Benjamin Siegert war vieles in Braunschweig: Aufstiegsheld, Paradiesvogel, Meister im „Trash-Talk“. Doch vor allem war er in seiner Zeit bei der Eintracht absoluter Publikumsliebling.

"Braunschweig war immer Kampf, Wille, Leidenschaft!"


In der heutigen Zeit wird immer mehr bemängelt, dass den Spielern die Identifikation fehlt. Von fehlender Identifikation bei Benjamin Siegert zu sprechen wäre komplett falsch, denn unvergessen bleiben seine blau gefärbten Haare im Aufstiegsendspiel 2005 gegen Arminia Bielefeld II.

Das Wort Identifikation sollte nach der Meinung von Benjamin Siegert für einen Fußballer sowieso an erster Stelle stehen: „Du kannst nicht erwarten, dass die Fans dich pushen, wenn du dich nicht hinter ihre Werte stellst. Braunschweig war immer Kampf, Wille, Leidenschaft. Ich fand es unglaublich wichtig mit den Fans ein gutes Verhältnis zu pflegen, weil sie es sind die dich motivieren, wenn du eigentlich nicht mehr kannst. Allein, wenn wir im Mannschaftsbus auf die Hamburger Straße abgebogen und tausende Fans Richtung Stadion gepilgert sind, dann wusstest du als Spieler, wofür es zu kämpfen lohnt“, betont der 38-Jährige.

Obwohl Benny Siegert 102 Mal für die Braunschweiger Eintracht auflief, ist es das eine Spiel gegen die Reserve von der Alm, welches noch heute Gänsehaut beim ihm auslöst. Nach dem zwischenzeitlichen 0:1 war es Siegert, der Torhüter Thorsten Stuckmann aufmunterte und seine Jungs nach vorne pushte: „Ich glaube, das 0:1 hat uns gutgetan, weil spätestens von da an jeder wusste: Den Aufstieg können wir immer noch verspielen. Wir müssen jetzt 90 Minuten auf Anschlag spielen und Vollgas geben. Ich kann noch gut daran erinnern, dass Alexander Kunze vor dem Spiel mit jedem Spieler – wirklich mit jedem Spieler – sprach und uns klarmachte, was wir schaffen können. Besonders erschrocken war ich von Jürgen Rische. Der war sowas von cool, als wäre es ein ganz normales Punktspiel. Zum Glück hat er den entscheidenden Elfmeter geschossen“, sagt Siegert schmunzelnd.

Wie aus anderen Zeiten: Trikotpräsentation mit dem Tiertrainer Joe Bodemann, Benny Siegert, Lars Fuchs, Sportchef Wolfgang Loos und einem echten Löwen. Foto: Agentur Hübner/Archiv


"Partytier? An Daniel Graf und Jan Tauer ist keiner vorbei gekommen!"


Der Grund für den Aufstieg war der extrem gute Zusammenhalt innerhalb der Mannschaft: „Man muss Michael Krüger und Wolfgang Loos ein großes Kompliment aussprechen, die Charaktere haben super zueinander gepasst. Es war keine Seltenheit, dass wir mit der gesamten Mannschaft nach Spielen oder nach dem Training Essen gegangen sind. Da gab es keinen der sein eigenes Süppchen kochte. Zu der Zeit war der Respekt zwischen jungen und alten Spieler noch da. Heute sind die Jungen meistens beleidigt, wenn ein älterer Spieler eine Ansage macht. Zu unserer Zeit waren wir dankbar, wenn wir Tipps bekamen und haben es nicht als Angriff gesehen“, so Siegert.

Besonders an die Woche nach dem Aufstieg erinnert er sich gerne: „Abends waren wir unterwegs. Die Gerüchte ich wäre ein Partytier gewesen stimmen leider nicht. An Daniel Graf und Jan Tauer ist keiner vorbei gekommen, die haben wirklich Gas geben. Jan Tauer ist sogar mit weißen Socken und Badelatschen in den Club gekommen. Jeden Morgen gab es um 10 Uhr Frühstück im Marstall. Wer zu spät kam musste eine Runde ausgeben. Wir fanden um 10 Uhr war es zu spät für Brötchen, als gab es Currywurst/Pommes. Beeindruckend fand ich Torsten Sümnich, der hat nur Wasser getrunken“, erklärt Benny Siegert lachend und verweist auf das Braunschweiger-Fanlied über den Eintracht-Kultspieler: „Wir haben uns schon angestrengt, aber Sümnich hat uns alle in die Tasche gesteckt.“

Immer für einen Spaß zu haben: Benjamin Siegert. Foto: Agentur Hübner


Der Paradiesvogel


Während Graf, Tauer und Sümnich ihren Ruf weg hatten, wurde Benny Siegert aufgrund seiner Fülle von verschiedenen Frisuren als Paradiesvogel bezeichnet. Von ehemaligen Mitspielern kamen dementsprechend die Sätze, 'Dafür kann er kein Geld ausgegeben haben' oder 'Siegert hat Mut zur Hässlichkeit'. Benny Siegert wehrt sich gegenüber regionalsport.de: „Natürlich habe ich dafür bezahlt, wurde ja auch sauber gearbeitet. Mein Stammfriseur war das Frisuren-Atelier am Theater von Dana und Nick. Mein Credo lautete immer: Bunt und auffallend muss es sein. Ich kann nichts dafür, wenn es Spieler im Kader gab, die nicht so weitsichtig geschaut haben und für die Mode ein Fremdwort war“, erklärt der 38-Jährige lachend.

Man könnte meinen, Benjamin Siegert wäre heutzutage gerne Profi, doch der Ex-Löwe winkt ab. „Ich sage es ganz klar, das Geld würde mich reizen, mehr nicht. Der Zusammenhalt zu unserer Zeit war viel besser. Viele Werte sind meiner Meinung nach in den letzten Jahren verloren gegangen. Die Spieler waren zu meiner aktiven Zeit noch nicht so Ego gesteuert. Die heutigen Spieler sind fast schon mehr Instagram-Stars als Fußballer. Man merkt, dass die Spieler zu viel Geld verdienen, indem Friseure aus der ganzen Welt eingeflogen werden. Sorry, aber die Haarschnitte kann jeder Stadtfriseur genauso gut“, so Siegert.

Auch Niederlagen gehören dazu: Co-Trainer Willi Kronhardt tröstet Siegert. Foto: Agentur Hübner


Der Marlboro-Mann


Ein wirklicher Meister war Benjamin Siegert im sogenannten „Trash-Talk“. Aus der aktuellen Mannschaft beherrschen Benjamin Kessel und Marc Pfitzner den „Trash-Talk“ in Perfektion. Durch gezielte Worte oder Sätze den Gegenspieler aus dem Konzept bringen, seine Konzentration stören, bis hin mit der Wortwahl ihn zu provozieren.

Doch was zeichnet einen richtig guten „Trash-Talk“ aus? „Du musst am Gegner dranbleiben, ihn leicht berühren und dann Sätze fallen lassen wie: 'Steh mir nicht im Weg rum, quatsch deine Mutter voll und nicht mich'. Manchmal müssen auch Sätze unter der Gürtellinie fallen. Wenn die Spieler nach der Partie nicht mit dir abklatschen wollten, hast du alles richtig gemacht' “, sagt Siegert lachend.

Einen besonderen Draht pflegte Benny Siegert stets zu Trainer Michael Krüger. Krüger hatte Siegert vom VfL Wolfsburg II nach Braunschweig mitgebacht. „Auf Michael Krüger lasse ich nichts kommen. Der Trainer ist einfach Kult. Ich erinnere mich an das Pokalspiel gegen Borussia Dortmund. Fluchtlichtausfall, und was macht Krüger? Geht in eine Ecke und steckt sich eine Zigarette an - natürlich die starken von Marlboro. Den Blick von Wolfgang Loos werde ich nicht mehr los. Sinngemäß, 'Michael; dass ist jetzt nicht dein Ernst?' In der Mannschaft sind wir immer noch davon überzeugt, diese Zigarette hat uns die nächste Runde gesichert, weil Krüger ein Gefühl vermittelte von 'Männer bleibt locker, wir gewinnen das Ding' “, blickt der ehemalige Rechtsverteidiger augenzwinkernd zurück.

Das Gesicht von Michael Marlboro Krüger verfolgt Benny Siegert noch heute. Foto: Agentur Hübner


Die katastrophale Task-Force-Saison


Doch Siegert kann auch ernst werden, als wir über die Abstiegssaison 2006/2007 sprechen. Die Katastrophensaison, in der man fünf verschiedene Trainer an der Seitenlinie sah, die Mannschaft nur 23 Punkte sammelte und am Ende mit 13 Punkten Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz abstieg. „In der Spielzeit ist alles schief gelaufen, was schief laufen konnte. Ich glaube viele Faktoren haben zum Abstieg geführt. Der Kader wurde nicht in der Qualität verbessert sondern nur in der Breite. In der Winterpause hätte man sich eigentlich die Neuzugänge sparen können und das Geld lieber in den sofortigen Wiederaufstieg investieren sollen. Wie eingangs erwähnt, um Erfolg zu haben, brauchst du eine homogene Mannschaft, in der die Charaktere passen. Das war in der Saison leider nicht gegeben. Vielleicht hätte man Willi Kronhardt die Chance geben und Djuradj Vasic nicht verpflichten sollen. Taktisch und sportlich war Vasic in Ordnung und hatte auch gute Ansätze, aber menschlich ging er gar nicht. Er hat uns in der ersten Teamsitzung die Qualität abgesprochen, deutlich gemacht, wir würden eh absteigen. Gesprochen hat er insgesamt auch sehr wenig. Er war ein Trainer der alten Schule“, so Siegert.

Vasic musste nach fünf Spielen und fünf Niederlagen den Verein wieder verlassen. Der Rest ist Geschichte. Nachdem Siegert den Abstieg verdaut hatte, ereilte ihn der nächste Schock: Eintracht wollte zwar mit ihm verlängern, aber zu Konditionen, die für ihn nicht vertretbar waren. „Wenn ich keine Familie gehabt hätte, hätte ich vielleicht verlängert, aber so war es nicht möglich. Ich habe auch eine Sorgfaltspflicht gegenüber meiner Frau und meinem Kind. Das Schlimme, der Verein ließ auch nicht mit sich reden. Es gab ein Angebot, entweder hätte ich es angenommen oder musste eben gehen.“ Siegert ging widerwillig und enttäuscht und schloss sich der SV Wehen Wiesbaden an.

Nach seiner Zeit bei den Hessen wäre es fast zu einer Rückkehr gekommen, denn Torsten Lieberknecht hatte ihn auf der Liste. Am Ende entschied sich Lieberknecht für einen anderen Spieler. Dennoch spricht Siegert nur positiv über seine Zeit bei der Eintracht und plant die Aufsteigertruppe aus 2005 zusammenzutrommeln, um dann gemeinsam ein Spiel im Eintracht-Stadion anzuschauen. „Wir sind über WhatsApp alle in Kontakt, haben über Skype das Pokalspiel gegen Dortmund vor kurzem gemeinsam geschaut. Auch 15 Jahre nach dem Aufstieg muss ich sagen, wir waren eine echt geile Truppe“, so der Familienvater Siegert, der mittlerweile Cap statt bunten Frisuren trägt.

Benjamin Siegert konnte sich zu 100 Prozent mit den Löwen identifizieren. Vielleicht war er deshalb so beliebt bei den Fans. Foto: Agentur Hübner/Archiv



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