Der Adler, Bernd Franke, erlebte großartige Zeiten mit Eintracht Braunschweig.
Der Adler, Bernd Franke, erlebte großartige Zeiten mit Eintracht Braunschweig. Foto: Agentur Hübner
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05.06.2020

Gestern Eintracht, heute: Bernd Franke, der Adler

von Henrik Stadnischenko


Braunschweig. Eintracht Braunschweig hatte in seiner Historie viele exzellente – wenn nicht sogar herausragende Torhüter. Seien es die Hain-Brüder, Rafal Gikiewicz oder Meisterkeeper Horst "Luffe" Wolter. Nur an einen Torwart kommen sie alle nicht heran: den Adler, Bernd Franke!

"Wir wussten was wir an Braunschweig hatten"


Wenn man in Erinnerungen schwelgt, stellt sich häufig die Frage: "Was wäre gewesen wenn ..?" Welchen Verlauf hätte das Leben oder die Karriere genommen, wenn man einen anderen Weg eingeschlagen hätte. Im Falle von Bernd Franke müsste die Frage lauten: Was wäre passiert, wenn sich Bernd Franke nicht am Finger verletzt und der FC Bayern München die Verpflichtung durchgezogen hätte?

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Bayern 1979 nach dem Autounfall von Sepp Meier, und dessen wochenlangem Ausfall, ein Auge auf den Eintracht-Torhüter Franke gerichtet hatten. „Daran denke ich heute gar nicht mehr. Es gab noch andere interessante Anfragen, ob von Eintracht Frankfurt unter Erich Ribbeck, der 1. FC Köln oder Kaiserslautern. Selbst Ajax Amsterdam wollte mich unbedingt verpflichten. Nur trifft man eine solche Entscheidung nicht alleine. Meine Familie habe ich bei allen Fragen mit einbezogen. Wir wussten jedoch schnell, was wir an Braunschweig hatten. Ich hatte mir ein Standing aufgebaut, meine Familie einen Freundeskreis. Alles aufgeben für ein paar hundert Mark mehr im Monat? Das wollten wir nicht. Die Anfragen erfüllten mich aber mit großem Stolz. Es waren Bestätigungen für meine Leistungen und mein Antrieb noch besser zu werden“, erklärt Bernd Franke.

Horst Wolter und sein Nachfolger Franke verstanden sich stets hervorragend. Foto: imago


"Fast schon Schnee auf dem Kopf!"


Den Spitznamen „Adler“ verdankt er ausgerechnet seinem damaligen Konkurrenten Horst Wolter, den er aus dem Eintracht-Tor verdrängt hatte: „Wir hatten in der Vorbereitung Sprungtraining und ich bin deutlich höher als Luffe Wolter gesprungen. Daraufhin sagte er zu mir: 'Du springst so hoch, du hast fast schon Schnee auf dem Kopf. Du springst und fliegst, wie ein Adler.' Zwischen Luffe und mir herrschte ich ein gutes Verhältnis. Ich bin damals vom Bundesligaufsteiger Fortuna Düsseldorf nach Braunschweig gewechselt. Trainer Otto Knefler versprach mir ein wenig Spielzeit und, dass ich behutsam als Nachfolger aufgebaut werde. Es lief alles ein wenig schneller und mit der Zeit habe ich dann Horst Wolter abgelöst“, blickt der 72-Jährige heute zurück.

Vierhundertzweiundachtzig!


Den Platz zwischen den Pfosten gab der gebürtige Saarländer auch nicht mehr her. Insgesamt 482-Mal zog er sich das blaue-gelbe Trikot über. Nur selten blieb es sauber, denn Franke versuchte wirklich jeden Ball zu entschärfen, ob in der Luft oder am Boden war da egal. Sein absoluter Siegeswille sorgte dafür, dass er sich zu einem der besten Tormänner in Deutschland entwickelte.

Reiner Hollmann, Friedhelm Haebermann, Franz Merkhoffer waren mit die Besten auf ihrer Position in der Bundesliga. Foto: Agentur Hübner


"Eine Generation voller Charakterspieler."
Spricht man mit ehemaligen Mitspielern über Franke, fallen häufiger Sätze wie: "Er hat beim falschen Verein gespielt und er hätte viel mehr Länderspiele verdient gehabt." Es wirkt so, als hätte es früher keinen Neid gegeben. „Vorweg: Ich habe nicht für den falschen Verein gespielt, die Eintracht ist und war mein Verein. Was aber richtig ist, das andere Vereine mehr Aufmerksamkeit bekamen. Zum Faktor Neid: Es gab damals keinen Neid. Zum größten Teil war meine Generation eine Generation voller Charakterspieler. Jeder hat dem anderen den Erfolg gegönnt. Wir waren alle faire Sportsmänner und haben anerkannt, wenn jemand besser war. Uns hat es auch nicht interessiert, ob und wer mehr Geld verdiente“, erzählt Franke.

Seine Wort untermauert der 72-Jährige mit einer Geschichte aus der Nationalmannschaft: „Man könnte denken Beckenbauer, Netzer und wie sie alle heißen, wären arrogant gewesen. Das Gegenteil war der Fall! Ich wurde super in der Nationalmannschaft aufgenommen. Es hat keinen interessiert, von welchem Verein du kamst. Das Ziel war der gemeinsame Erfolg, daraufhin wurde gearbeitet. Franz Beckenhauer sagte zu mir: 'Wir freuen uns, dass du da bist und wir unterstützen dich, dass du hier die gleichen Leistungen, wie in Braunschweig, abrufen kannst“, blickt der 72-Jährige zurück.

Die Fans forderten Franke in der Nationalmannschaft. Foto: Agentur Hübner


Wer kennt Schumacher?


Während beim BTSV sein Stammplatz sicher war, musste Bernd Franke sich in der Nationalmannschaft hinten anstellen und häufiger, als ihm lieb war, Sepp Maier oder Toni Schumacher den Vortritt lassen. Dabei hätte Franke doch einen Freifahrtschein verdient gehabt, schließlich gewann die Nationalmannschaft alle Spiele, wenn der Eintracht-Schlussmann zwischen den Pfosten stand.

Einer der größten Vorteile gegenüber den Konkurrenten war die des mitspielspielenden Torhüters. Frank war keiner, der nur auf der Linie klebte und wartete, bis jemand abzog. Für diese Spielweise kam ihm zugute, dass er in der Jugend in der Leichtathletik aktiv war und es bis zum achtzehnten Lebensjahr regelmäßig als Feldspieler in die saarländische Fußballauswahl schaffte. „Insgesamt habe ich über zehn Jahre zum Stamm der A-Nationalelf gehört, mit ihr habe ich viele schöne Momente erlebt, die ich nicht missen will. Natürlich habe ich es manchmal nicht verstanden, warum ich nicht den Vorzug bekam. Trotzdem wollte ich den Erfolg der Mannschaft, habe mich ohne zu murren auf die Bank gesetzt und versucht Sepp oder später Toni voll und ganz zu unterstützen. Ich erinnere mich noch an die WM 2006, als man Oliver Kahn ausbootete. Unabhängig davon, dass du sowas nicht bringen kannst, weil Kahn der deutlich bessere Torhüter war, nötigt es mir den größten Respekt ab, wie er damit umgegangen ist. Er hat sich auf die Bank gesetzt und hat seine Rolle akzeptiert. Ohne Murren, ohne böse Worte in der Presse. Ein ganz großer Sportsmann!“, macht Franke unmissverständlich klar.

Bernd Franke hielt im legendären Duell mit Dynamo Kiew einfach alles. Foto: imago


"Kiew war eine Übermacht!"


Einer der schönen Momente von denen „der Adler“ spricht ist die Olympia-Teilnahme 1984 in Los Angeles. „Die Wochen in den USA waren ein Traum. Das Drumherum, das olympische Dorf, das Miteinander mit anderen Nationen. Für mich war die Teilnahme emotionaler und schöner als die WM 82, als wir Vize-Weltmeister wurden“, sagt Franke, der in Sachen „schönste Eintracht-Momente“, die Spiele gegen Dynamo Kiew und die Duelle gegen den FC Bayern München nennt.

„Vielleicht ist es ein wenig übertrieben, aber ich finde in den beiden Partien gegen Kiew haben wir die beste Eintracht während meiner Zeit gesehen. Kiew war eine Übermacht und trotzdem schafften wir es sie auszuschalten. Gegen die Bayern zu spielen ist für jeden Sportler das größte. Manchmal gab es Haue, aber manchmal haben wir die Bayern auch ganz schön überrascht. Insgesamt war die Zeit mit und bei der Eintracht phänomenal“, betont der Ex-Schlussmann.

Insgesamt 482-Mal zog der Adler sich das blaue-gelbe Trikot über. Meist war es jedoch grün. Foto: Agentur Hübner


"Paul Breitner hat ein intaktes Gefüge gesprengt."


Ruhig, bedacht und voller Begeisterung wirkt Bernd Franke, als er über seine aktive Karriere spricht, doch die Stimmung ändert sich schlagartig, als der Name Paul Breitner fällt: „Er hat ein intaktes Gefüge gesprengt. Wir waren sicherlich nicht die besten Fußballer, aber wir waren eine Mannschaft. Die Erfolge erreichten wir als Mannschaft. Und dann kam Paul daher und meinte, alles tanzt nach seiner Pfeife. Wir besaßen mit Charly Handschuh einen fantastischen Spielmacher, der eine Menge für den Verein geleistet hatte und Breitner forderte regelrecht seinen Platz. Wenn ich mich recht erinnere war Breitner bei den Bayern Linksverteidiger gewesen. Er stellte sich immer als Opfer dar, er war nicht gewillt sich in die Mannschaft zu integrieren. Wenn wir nach dem Training zusammensaßen, wer er der Erste der verschwand? Auch Geschichten, die überhaupt nicht stimmten, sorgten dafür dass er keinen Fuß in die Mannschaft bekam. Die Fans würden busweise zu ihm nach Hause kommen und vor seiner Tür lungern. Die Wahrheit: 5 Meter vor seinem Haus war eine ganz normale Bushaltestelle. Soll der Busfahrer jetzt 100 Meter weiterfahren und halten, nur weil es Paul Breitner nicht passt?"

Was Frank besonders stört: "Dass nur von Paul Breitner gesprochen wird. Reiner Hollmann, Friedhelm Haebermann, Franz Merkhoffer waren mit die Besten auf ihrer Position in der Bundesliga. Ich finde diese Leute sollten häufiger in den Vordergrund gerückt werden, die haben mehr für die Eintracht geleistet als Breitner. Wenn mich jemand überrascht fragt, 'Was Bernd, du hast mit Paul Breitner zusammen gespielt?' Antworte ich ihm: 'Nein, er hat mit mir zusammen gespielt. Ein großer Unterschied' “, sagt Franke augenzwinkernd.

"Branko Zebec war ein Genie!"


Während sich an Paul Breitner die Geister scheiden, gilt Branko Zebec als bester Eintracht-Trainer in der Historie. „Er war ein Genie. Er revolutionierte den Fußball mit der Raumdeckung. Natürlich war er nicht ohne Schwächen, aber wer hat keine Fehler oder Schwächen? Man sollte es lassen über Personen zu urteilen, die man nicht kennt oder dessen Vorgeschichte man nicht weiß. Er war als Trainer hart und wahrscheinlich würde er heute keinen Erfolg mehr haben. Doch zur damaligen Zeit war er der Beste. Er hat den Fußball gelebt und geliebt. Er hatte nur Fußball im Kopf. Er hat aus einer bescheidenen Truppe, eine Spitzenmannschaft in der Bundesliga geformt. Wobei einen großen Anteil auch Conni Eckleben mit seinen Brathähnchen hatte. Jeden Montag trafen wir uns bei ihm und einfach das Zusammensein hat den Teamgeist deutlich verstärkt. Wir waren der Beweis, wenn es neben dem Platz stimmt, stimmt es auch auf dem Platz“, blickt Franke zufrieden in die Vergangenheit.

Es erfüllt ihn mit großem Stolz, von den Eintracht-Fans nach all den Jahren immer noch verehrt zu werden: „Wenn ich in Braunschweig bin, sprechen mich Menschen an, die waren noch gar nicht geboren als ich für den BTSV gespielt habe. Die Zeit bei der Eintracht war fußballerisch meine schönste Zeit und ich habe jede Minute im Eintracht-Stadion genossen“, betont der Adler zum Abschluss. 

Die Zeit bei der Eintracht war fußballerisch die schönste Zeit. Foto: Agentur Hübner


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