Traumquote als Fußballheld: Dirk Weetendorf.
Traumquote als Fußballheld: Dirk Weetendorf. Foto: imago/Rust
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09.03.2020

Gestern Eintracht, heute: Dirk Weetendorf, der Publikumsliebling wider Willen

von Henrik Stadnischenko


Braunschweig. Wie nennt man einen Spieler, der es geschafft hat innerhalb von wenigen Monaten zum Publikumsliebling zu werden, der am Boden als auch in der Luft Torgefahr ausstrahlte und trotz seines Erfolgs bodenständig geblieben ist. Held? Legende? Wahrscheinlich würde alles zu ihm passen, auch wenn ihm die Beinamen nicht gefallen, denn er ist jemand, der nicht gerne im Fokus der Öffentlichkeit stehen will und muss. “Gestern Löwe, heute:“ mit Dirk Weetendorf.

Was zeichnet Helden aus?


Was zeichnet eigentlich Helden aus? Unter anderem, dass sie meist einem ganz normalen Leben nachgehen, ohne, dass die Mitmenschen wissen, dass sie neben einem Helden stehen oder sitzen. Genau das passiert auch Dirk Weetendorf, denn nur die wenigsten seiner Arbeitskollegen in der Lübecker Zurr- und Hebetechnikfirma „Lash und Lift“ wussten auf Anhieb, was der Leiter des Prüfdienstes in seinem vorherigen Leben gemacht hat.

„Ich feiere dieses Jahr mein zehnjähriges Jubiläum in der Firma und habe hier einen Job gefunden, der mir wirklich Spaß macht. Zufällig haben wir sogar eine Niederlassung in Braunschweig. Dementsprechend musste ich schon häufiger die Frage beantworten, ob ich wirklich dieser Dirk Weetendorf sei“, sagt der ehemalige Eintracht-Profi schmunzelnd.

Vielleicht hätten ihn seine Arbeitskollegen gar nicht kennengelernt, wenn es damals nicht zu Unstimmigkeiten in Braunschweig gekommen wäre. Trotz seiner erfolgreichen Zeit als Trainer der A-Jugend wurde sein Vertrag nicht verlängert. Bis heute ist Weetendorf der einzige Trainer, der mit den A-Junioren in die Bundesliga aufgestiegen ist. „Ich wäre gerne bei der Eintracht geblieben, aber Torsten Lieberknecht hatte einen Anschlussvertrag und mein Kontrakt lief aus. So kam es dazu, dass ich Braunschweig verlassen habe“, so der heute 47-Jährige.

DFB-Pokalsieger 1999: SV Werder Bremen mit Dirk Weetendorf (hinten, 3.v.l.). Foto: imago


Den Fußball erstmal hinter sich lassen.


Die Überlegung, den Profifußball komplett hinter sich zu lassen reifte in ihm. „Ich bin dann wieder nach Lübeck gezogen und habe hier den ATSV Stockelsdorf trainiert. Die Arbeit als Trainer hat mir unheimlich viel Spaß gemacht, aber ich habe mich auch gefragt, ob ich wirklich die nächsten 20 Jahre lang als Profitrainer arbeiten will, besonders mit den ganzen Risiken. Also habe ich mich entschieden, den Fußball erstmal hinter mir zu lassen. Ich bereute diesen Schritt überhaupt nicht, sondern gehe meiner Arbeit als Prüfdienstleiter mit großer Leidenschaft nach“, so Dirk Weetendorf.

Jemand wie Weetendorf, der mit dem SV Werder Bremen DFB-Pokalsieger wurde, dessen Tore 1997 dem Hamburger Sportverein den Klassenerhalt in der Bundesliga ebneten, als Pierre-Michel Lasogga und Marcelo Diaz noch mit ihrem Gameboys spielten, und von dem behauptet wird, er hätte für Eintracht Braunschweig selbst mit verbundenen Augen Tore geschossen, könnte durchaus eine gewisse Arroganz an den Tag legen.

"Mitten in der Nacht"


Doch Helden wie er machen so etwas nicht. Sie wirken nahezu demütig und dankbar, welches Leben ihnen der Fußball beschert hat. Weetendorfs Antwort auf die Helden-Frage fällt dementsprechend vorhersehbar aus: „Man muss nicht übertreiben. Ich konnte zwar ganz gut kicken, aber eine Legende oder gar ein Held bin ich sicherlich nicht.“ Das sind für Weetendorf andere, wie seine Traumelf (Mehr hier) verrät.

Dabei war der erste Auftritt von Weetendorf vor seinen Mitspielern in Braunschweig stilecht für einen Helden - mitten in der Nacht. „Ich kann mich daran erinnern, dass ich in das Trainingslager nachgereist bin, um zwei Uhr im Hotel angekommen bin und am nächsten Tag bereits um 10 Uhr auf dem Platz gestanden habe. Natürlich war die Skepsis zu Beginn da, Sätze wie 'was wollt ihr mit dem abgehalfterten Bundesligaprofi' und 'der passt gar nicht zu uns' waren zunächst an der Tagesordnung. Jedoch konnte ich meine Mitspieler und vor allem die Fans schnell vom Gegenteil überzeugen. Mir war es immer wichtig, dass die Fans mir alles vorwerfen konnten, aber nicht dass ich nicht gekämpft und geackert hätte. Was mir besonders imponiert hat, dass die Braunschweiger wirklich für ihren Verein gelebt haben und da nichts gespielt war. Selbst in schlechten Zeiten sind Tausende von Menschen in das Stadion gekommen, nur um ihre Eintracht nach vorne zu pushen. Für mich besteht die Eintracht nicht aus ihren Spielern, sondern einzig und alleine aus ihren Fans“, betont Weetendorf und man nimmt es ihm voll und ganz ab.

Die "Sidekicks" Piorunek und Teixeira


Manchmal braucht ein Held auch einen Sidekick, Batman hat Robin, Sherlock Holmes hat Dr. Watson und Weetendorf hatte in Braunschweig Piorunek und Teixeira. Besonders in der Aufstiegssaison, wo er häufiger verletzungsbedingt fehlte, als ihm lieb war. Ein Held braucht eben auch mal eine Pause. Doch wenn es darauf ankommt, ist er da – wie im Endspiel um den Aufstieg gegen Wattenscheid.

Den Ausgleich erzielte selbstverständlich Weetendorf. Doch nicht nur in Sachen Toren war Weetendorf gefragt, auch die langen Einwürfe waren seine Disziplin. An die entscheidenden Sekunden vor dem Siegtor gegen Wattenscheid kann er sich noch gut erinnern: „Die Nervosität und Ungeduld war regelrecht zu spüren. Von draußen kamen die Handbewegungen, wir müssen unbedingt ein Tor erzielen. Irgendwie ist der Ball dann zu 'Pioru' gekommen und wir lagen uns einfach nur noch in den Armen. Da ist so viel Ballast abgefallen, das kann man sich gar nicht vorstellen. Danach habe ich dann gemerkt, die Braunschweiger können auch gut feiern, selbst ohne Schlaf. Ich glaube die Stadt war zwei oder drei komplette Tage auf den Beinen, überall war eine Party. Die Erinnerungen kommen immer dann hoch, wenn ich nur die Worte höre 'schwak die Pille bis nach Wolfenbüttel...'"

"Es war schon eine verdammt coole Zeit in Braunschweig“, erklärt „Weete“, die nachfolgende Zweitligasaison konnte er nicht mehr mitmachen – das Knie zwang ihn zum Karriereende. „Ich bin keiner der in ein Loch fällt, aber ich fand es irgendwie schade, denn ich hätte gerne noch zwei, drei Jahre gespielt. Mir hat der Fußball wirklich Spaß gemacht“, so der Ex-Stürmer, der eine fantastische Torquote von 37 Toren in 60 Spielen aufweist. Alle 126 Minuten traf Weete ins gegnerische Tor. Ahmet Kuru brauchte im Vergleich dazu 177 Minuten, selbst Domi Kumbela oder Ronnie Worm benötigten über 200 Minuten.

Heute "Leiter im Prüfdienst" in einer Lübecker Firma. Foto: privat


"Die Digitalisierung schränkt ein."


An der heutigen Zeit stört „Weete“ besonders die fehlende Freiheit und Privatsphäre für die Profis: „Die Digitalisierung schränkt die Fußballer schon ein. Unabhängig von dem Geld, das sie heute verdienen und welches wahrscheinlich auch zu viel ist, brauchen die Spieler auch ihre Ruhe. Heutzutage wird jede kleine Verfehlung gleich in den sozialen Medien gepostet. Ich weiß nicht, welchen Vorteil die Menschen davon haben. Bereits zu meiner Zeit gab es Leute, die neidisch und missgünstig waren. Ich kann mich daran erinnern, dass es haufenweise Anrufe auf der Geschäftstelle gab, mit den Worten: 'Dirk Weetendorf hat gestern Abend zwei Bier in der Kneipe XY getrunken' oder: 'Dirk Weetendorf ist um 22 Uhr noch was essen gegangen.' “, flachst der Ex-Profi, der seine Eintracht auch noch heute im Blick hat.

"Momentan fehlt mir aber die Konstanz."


Beim Wort "Aufstieg" hat Weetendorf dennoch so seine Zweifel: „Selbstverständlich würde ich mich freuen, wenn es die Jungs packen würden. Alleine für die Stadt und die Region wäre die zweite Liga wichtig. Momentan fehlt mir aber die Konstanz, zudem wird das Aufstiegsrennen extrem spannend. Ich rechne damit, dass sechs, sieben Mannschaften das Rennen unter sich ausmachen werden. Ein großer Vorteil sind natürlich die Heimspiele, aber dafür muss die Eintracht viel dominanter und mit breiter Brust auftreten, der Gegner muss schon regelrecht Angst bekommen“, so Dirk Weetendorf zum Abschluss.

Weetendorf beschränkt sein Heldendasein nicht auf "Tschüss" und "Auf Wiedersehen". Ein Wiedersehen wird es auf jeden Fall geben, denn er plant in der Rückrunde zu einem Heimspiel ins Eintracht-Stadion vorbeizuschauen. Ob er dann für die Fans für ein Selfi oder Autogramme zur Verfügung stehen würde? „Selbstverständlich, nur glaube ich nicht, dass sich jemand um ein Foto oder Autogramm von mir reißt. So berühmt bin ich doch nicht.“ So sind sie die Helden, bloß nicht im Mittelpunkt stehen wollen.

Teil 6: Frank Edmond


Teil 5: Ahmet Kuru


Teil 4: Dennis Brinkmann


Teil 3: Jan Tauer


Teil 2: Marco Grimm


Teil 1: Michél Dinzey



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