Genau wie dessen Mitspieler Dieter Zembski, Wolfgang Frank und Friedhelm Häbermann feiern wir diesmal den Rekordlöwen Franz Merkhoffer!
Genau wie dessen Mitspieler Dieter Zembski, Wolfgang Frank und Friedhelm Häbermann feiern wir diesmal den Rekordlöwen Franz Merkhoffer! Foto: imago/Rust
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09.05.2020

Gestern Eintracht, heute: Franz Merkhoffer, der absolute Rekordspieler

von Henrik Stadnischenko


Braunschweig. Für die einen ist er der Dauerbrenner von Eintracht Braunschweig, für andere wiederum einfach nur der „Pferde-Franz“. Ein Titel mit der Eintracht blieb ihm zwar in seiner aktiven Laufbahn verwehrt und doch prägte er Jahrzehnte mit dem Roten Löwen auf der Brust. Die Rede ist von Franz Merkhoffer.

563 Mal für die Eintracht


Wir schreiben den 7. September 1968, als eine Viertelstunde vor Schluss das Abwehrtalent Franz Merkhoffer für Hans Berg auf das Feld kommt. In diesem Augenblick wird dem jungen Spieler keine große Bedeutung geschenkt. Was keiner ahnen kann: mit Merkhoffer betritt der zukünftige Rekordspieler der Eintracht den Platz. Die Zahlen wirken in der heutigen Fußballzeit unglaublich: 16 Jahre für ein und denselben Verein, 563 absolvierte Partien. Richtmarken, die wahrscheinlich kein Eintracht-Profi jemals mehr erreichen wird. Dementsprechend kommt man bei einer Serie über ehemalige Eintracht-Spieler nicht an dem Namen Franz Merkhoffer vorbei.

Nur wo fängt man in einem Interview mit der Eintracht-Legende überhaupt an? Verpasste Meisterschaft, Paul Breitner, Branko Zebec oder doch die Pferdezucht? Nein, man sollte dort anfangen, wo jedes Ziel oder jeder Wunsch seinen Ursprung hat: Mit einem Traum. „Wenn man Fußball spielt, träumt man natürlich immer davon Fußballprofi zu werden und in der Bundesliga zu spielen. Ich würde sagen, ich habe meinen Traum gelebt und vor allem habe ich eine Karriere gehabt, von der viele Fußballer nur träumen. Gar nicht mal wegen der Spiele sondern, weil ich vollkommen verletzungsfrei geblieben bin“, betont Merkhoffer.

Zu Branko Zebec (li. mit Co-Trainer Horst Patzig) hatte Merkhoffer eine besondere Beziehung. Foto: imago


Nächtliche Kohlsuppe mit Kumpel Zebec


Wir lauschen dem 73-Jährigen gebannt, wie es Kinder tun, wenn die Großeltern Märchen erzählen. In diesem Fall ist es das Märchen von Franz Merkhoffer und seiner Eintracht. In dieser Geschichte darf der Name Branko Zebec nicht fehlen, denn an ihm scheiden sich die Geister. Für die einen der knallharte General, für die anderen der Beste in der Eintracht-Geschichte. Für Franz Merkhoffer war er abseits des Feldes wie ein Kumpel. Wie ein Kumpel?

„Nach einer Weihnachtsfeier waren Zebec und ich so betrunken, dass ich bei ihm übernachten durfte. Bevor wir betrunken ins Bett fielen, gab es bei ihm noch Kohlsuppe. Neben dem Platz war Branko ein feiner Kerl, auf dem Platz das Gegenteil. Den nächsten Tag war das Training auf 9 Uhr angesetzt. Wer war pünktlich vor Ort und wer zu spät? Richtig, ich durfte gleich ein paar Strafrunden drehen“, erzählt Merkhoffer lachend.

Obwohl der gebürtige Dettumer noch unter Meistertrainer Helmuth Johannsen trainieren durfte, hält er Branko Zebec für den besseren Trainer: „Ich habe in meiner Karriere Trainer erlebt, die hatten Taktiktafeln, die haben Einzelgespräche geführt. Branko hat uns mit einer Einfachheit erfolgreichen Fußball spielen lassen. Natürlich war er kein Menschenfreund. Ich erinnere mich als ich von der Mannschaft vorgeschickt wurde mit den Worten: 'Franz, du musst mit dem Trainer reden, der trainiert uns zu Tode.' Als Antwort erhielt ich von Zebec: 'Sag den Männern, ab morgen sehen sie, was hartes Training ist.' Man muss ihn aber auch in Schutz nehmen, er hat keine drei, vier Stunden trainiert, sondern intensiv und hart über 90 Minuten. Danach waren wir fit. Ich würde sagen, seine Zeit in Braunschweig war die erfolgreichste Zeit für den Verein. Ausgenommen natürlich der Gewinn der Meisterschaft. Sein Abschied zum HSV, war auch der Abschied der Eintracht aus der Bundesligaspitze“, sagt der 73-Jährige.

Auch gegen ehemalige Mitspieler nicht zimperlich: Beim 1:0-Sieg gegen Dortmund am 22. März 1980 grätscht Merkhoffer auch Wolfgang Frank ab. Foto: imago/Rust


"Die Leute sollten sich von Vereinstreue und Identifikation verabschieden!"


In jedem Märchen taucht eine Figur auf, die von den einen geliebt und von den anderen gehasst wird. Im Fall von Eintracht Braunschweig hieß diese Figur Paul Breitner. „Gehasst hat ihn in der Mannschaft keiner, aber er hat einfach nicht nach Braunschweig gepasst. Ich machte den Vorschlag, um ihn zu integrieren, ihn zum Kapitän zu ernennen. Aus der Mannschaft kam die Antwort: 'Gut Franz, dann entscheiden wir das demokratisch.' Paul bekam vier oder fünf Stimmen bei der Wahl des neuen Kapitäns. Er war fußballerisch top, keine Frage, aber er war kein Weltstar. Im Training war er häufig sehr faul. So etwas fällt dir dann im Spiel auf die Füße, wenn deine Mitspieler, böse gesagt, denken: 'Warum soll ich jetzt für den zusätzlich laufen.' Menschlich war Breitner super, sehr intelligenter und ein gebildeter Mann, der wusste, wie er mit der Öffentlichkeit und den Medien umzugehen hat. Ähnlich wie Günter Netzer. Damals wie heute gilt: 50 Prozent auf dem Platz und 50 Prozent neben dem Platz entscheiden, ob du eine Marke oder ein Image aufbaust oder nicht“, so Merkhoffer, dem keiner etwas in Sachen Vereinstreue und Identifikation vormachen kann.

Dementsprechend könnte man vielleicht denken, die Merkhoffers Meinung zu dieser Thematik sei dieselbe, wie die vieler Fußball-Fans. Doch unser Interviewgast überrascht mit seinen Aussagen: „Die Leute sollten sich von Vereinstreue und Identifikation verabschieden, so etwas gibt es im Profifußball nur selten. Auch wenn es hart klingt, für einen Profifußballer geht es darum, Geld zu verdienen. Ich finde es vollkommen legitim, wenn ein Spieler von Verein A zu Verein B wechselt. Er muss sich nur am Ende in den Spiegel schauen können und sich fragen, habe ich alles für den Verein gegeben. Er muss es nicht mir, dir oder sonst noch irgendwem recht machen. Auch zur Gehaltsfrage habe ich meine Meinung. Ich finde die Zahlen auch unrealistisch, aber der Markt gibt es her. Wenn es einem nicht passt, dann sollte man einfach nicht ins Stadion gehen oder Trikots kaufen, dann würde sich der Markt auch regulieren. Natürlich ist meckern leichter als aktiv eine Veränderung herbei zu führen“, sagt der Eintracht-Rekordspieler.

Das Hobby sorgte für den Spitznamen. Foto: Hartmut Neubauer


"An der Pferdesalbe lang es nicht!"


Aber wie ist es Merkhoffer gelungen, über all die Jahre hinweg immer wieder Top-Leistungen abzurufen, sich gegen jeden Konkurrenten durchzusetzen und vor allem verletzungsfrei zu bleiben? Half bei der Regeneration eine cremige Paste? „Nein, an der Pferdesalbe lang es nicht“, erklärt der 73-Jährige lachend und schiebt nach: „Ich glaube es war eine Mischung aus gutem Selbstvertrauen, dem absoluten Willen, immer an die Leistungsgrenze gehen zu wollen, und vor allem, dass ich nahezu ohne große Verletzungen geblieben bin. Zudem sagt man mir nach, dass ich halbwegs viel laufen konnte und bei Zweikämpfen auch nicht gekniffen habe“, sagt der Ex-Löwe mit einem Schmunzeln.

In Rothemühle wird „Pferde-Franz“ im Laufe seiner Jahre sesshaft, verbringt seine Freizeit und später, nach dem Karriereende, mit der Pferdezucht. „Vielleicht habe ich mich zum Schluss meiner Karriere zu sehr mit den Tieren beschäftigt. Es war ein zweischneidiges Schwert. Durch meinen Schwiegervater und meine Frau bin ich zu den Pferden gekommen. Über die Jahre ist aus dem Hobby eine Leidenschaft geworden. Viele Dinge aus dem Fußball konnte ich bei der Pferdezucht adaptieren. Witzigerweise verfolgt mich der Fußball auch im 'zweiten Leben', denn mit Thomas Müller und seiner Frau Lisa habe ich mich über die Pferdezucht ausgetauscht“, erzählt Merkhoffer.

Apropos Bayern München. Fällt dem 73-Jährigen zu dem Verein etwas ein? „Ja, die Bayern wollten mich damals für eine 1 Million DM verpflichten, aber entweder wollte die Eintracht mich nicht gehen lassen oder es wurde zu wenig Ablöse geboten. In jedem Fall war ich zu der Zeit stocksauer auf den Verein. Ein solches Angebot bekommt man nur einmal im Leben. Heute bin ich froh, dass es nicht geklappt hat. Der Wechsel wäre ein Wechsel ins Ungewisse gewesen. Wäre meine Familie wirklich mitgekommen? Hätte ich mich gegen die Konkurrenz wirklich durchgesetzt? Ich bin mit mir absolut im Reinen, schließlich hatte ich bei der Eintracht danach noch fantastische Jahre, die ich auf keinen Fall missen möchte“, blickt Merkhoffer glücklich zurück.

Glorreiche Zeiten: Mannschaftbild 1979/80. Foto: imago/Rust


"Dann wäre ich wie Peter Neururer oder Mario Basler!"


Über die derzeitige Situation bei der Eintracht will er nicht groß reden. „Dann wäre ich wie Peter Neururer oder Mario Basler. Die beiden haben doch gefühlt nichts in ihrer Karriere erreicht und stellen sich auf Sport1 hin als wären sie die großen Entdecker des Fußballs. Wenn ich mich in einem Verein engagiere, wenn ich aktiv eine Veränderung herbeiführe, dann kann mich auch über bestimmte Themen öffentlich äußern. Ansonsten darf ich mich vor dem Fernseher über die Eintracht aufregen oder freuen, aber öffentlich äußern werde ich nicht, weil es respektlos gegenüber den handelnden Personen wäre, die ich nicht persönlich kenne“, macht Merkhoffer unmissverständlich klar.

Das Märchen von Franz Merkhoffer endet, wie jedes Märchen, mit einer Botschaft zwischen den Zeilen: „Der Fußball hat mich zu einem ganz anderen Menschen werden lassen. Ich weiß nicht, wo ich als gelernter Koch gelandet wäre. Ich habe dank dem Fußball Menschen kennen gelernt, die ich wahrscheinlich so nicht kennengelernt hätte. Die Gespräche mit den Fans haben mich auch immer wieder auf den Boden zurückgeholt, denn manchmal siehst du, wie grausam das Leben sein kann, Dinge, die du als Fußballprofi, auf der Sonnenseite, nicht mitbekommst. Viel wichtiger als Fußball und Geld ist die Familie. Ich bin selbstverständlich stolz auf meinen Rekord bei der Eintracht, aber noch stolzer bin darauf eine tolle Familie zu haben und jeden Tag gesund aufwachen zu dürfen“, sagt Merkhoffer zum Ende dieser Geschichte.

Nein, ganz zu Ende ist die Geschichte noch nicht, denn wir wollen wissen, ob das Erste oder das letzte Spiel emotionaler war? „Natürlich das Erste. Ich kann mich daran erinnern, wie nervös ich war. Die Rückenlehne im Bus war voll geschwitzt. Ich wollte im Spiel bloß keinen Fehler machen, ich wollte einfach nur meinen Traum leben.“

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Teil 24: Ludwig Bründl


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