Wandelte immer irgendwo zwischen Genie und Wahnsinn: Jan Tauer.
Wandelte immer irgendwo zwischen Genie und Wahnsinn: Jan Tauer. Foto: imago/pmk
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20.02.2020

Gestern Eintracht, heute: Jan Tauer – der „High-Tauer“

von Henrik Stadnischenko


Braunschweig. Es gab Zeiten, da dachten Gästefans, wenn der Name "High-Tauer" in Braunschweig gefallen war, dass es sich um das höchste Gebäude in der Löwenstadt handelt. Dabei war dies nur die liebevolle Beschreibung für einen der verrücktesten Linksverteidiger, der jemals für Eintracht Braunschweig aufgelaufen ist – Jan Tauer. Die dritte Folge von „Gestern Eintracht, heute“ führt uns nach Schweden, wo der High-Tauer mittlerweile lebt.

"Ich kriege immer noch Gänsehaut!"


Es gab Momente in seinem Spiel, da fragte sich der Eintracht-Fan, wie kann so jemand im Profifußball spielen und dann gab es Momente, wo sich der Eintracht-Fan sagte, der Tauer gehört in die Bundesliga. Die Licht- und Schattenseiten von Jan Tauer lassen sich am besten mit seiner Leistung im DFB-Pokal gegen Borussia Dortmund beschreiben: Es war die 26. Spielminute als der Linksverteidiger völlig unbedrängt zur Ecke klärt. Die nachfolgende Ecke nutzt BVB-Stürmer Jan Koller um seine Dortmunder in Führung zu bringen. „Daran erinnere ich mich gar nicht, gibt es wirklich Beweise, dass ich die Ecke verschuldet habe?“, erklärt der 36-Jährige lachend und schiebt nach: „Ich glaube da hatte ich einen kompletten Blackout, ich hätte den Ball einfach nur nach vorne klären müssen. Aber lasst uns doch über die schönen Momente aus dem Spiel reden“, so Tauer.

Und das tun wir gerne: 83. Spielminute, aus dem Gewusel heraus schlägt Jan Tauer eine Flanke auf Kapitän Daniel Graf. Der Rest ist Geschichte: „Ich kriege immer noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. Der Verein hatte diesen Erfolg wirklich verdient. Die Stadt lebt den Fußball und lebt vor allem die Eintracht, dass habe ich von der ersten Minute an gemerkt. Ich hoffe wir konnten den Fans an dem Abend etwas für den fantastischen Support zurückgeben“, so der heute 36-Jährige.

Insbesondere mit dem damaligen Eintracht-Trainer Michael Krüger hatte er eine innige Beziehung. „Coach Krüger war überragend. Er hat den jungen Spielern, wie Martin Amedick, Ahmet Kuru oder auch mir vermittelt, wie Männerfußball funktioniert. Auch Jürgen Rische hatte ein großes Standing in der Mannschaft, er war für die jungen Spieler eine Art Vaterfigur. Für mich war die Eintracht der erste Schritt in den richtigen Profifußball, da ich zuvor nur in der Oberliga gespielt hatte. Die Eintracht hat auch zu meiner Spielweise gepasst. Der Verein war ein typischer Arbeiterverein. Die Fans wollten sehen, dass du Fußball arbeitest. Ich glaube Diven hätten hier nicht her gepasst“, macht der „High-Tauer“ deutlich.

Gute alte Zeiten: Tauer beim Torjubel mit Ahmet Kuru. Foto: imago/Hübner


"Erinnere mich noch gut das Fieber"


Dass es Jan Tauer nicht bis in die Bundesliga geschafft hat hängt sicherlich auch mit seinem Lebensstil zusammen, denn böse Zungen munkeln, allen voran Ex-Kapitän Daniel Graf, dass Tauer auch in der Braunschweiger Clubszene zielsicher unterwegs war. „Der Graf soll sich mal nicht so haben, wenn ich gefragt habe, wer kommt mit feiern hat Daniel sofort den Arm hochgerissen“, erklärt der ehemalige Linksverteidiger lachend. Doch welche zählte zu den Lieblingslocations des Blondschopfs? „Ich erinnere mich noch gut an den Namen Fieber, da lief wirklich klasse Musik. Ebenfalls waren wir häufig im Dax unterwegs. Das Braunschweiger Nachtleben hatte schon etwas an sich“, so Tauer schmunzelnd, der froh ist, dass es zu seiner aktiven Zeit noch kein Social Media gegeben hat.

„Ich glaube da wären Fotos aufgetaucht, die man lieber nicht sehen will. Ich sehe die Entwicklung der heutigen Generation aber sehr kritisch. Alle Fußballer sind mittlerweile fast gleich. Echte Typen gibt es nicht mehr oder sind nicht erwünscht. Der Charakter des Sports geht verloren. Ich kann auch verstehen, wenn die heutigen Profis nicht mehr feiern gehen oder über die Stränge schlagen, weil alles sofort in den Medien steht und zum Teil überbewertet wird. Manche Dinge kann ich aber wirklich nicht verstehen und muss mir an den Kopf fassen. Insbesondere wenn ich lese, dass sich die Leipzig-Spieler den Friseur in das Hotel einladen haben. Egal, welchen Lebensstil wir geführt haben, bereits einen Tag vor dem Spiel waren wir im Tunnel und da galt die volle Konzentration dem nächsten Gegner. Da war nichts mit wir lassen uns ablenken“, betont Jan Tauer.

Heute arbeitet Jan Tauer auch als Experte für das schwedische Fernsehen. Foto: privat


"Janne Tauer Beckenbauer“ oder einfach nur „Jesus“


Doch Jan Tauer hat nicht nur den Schalk im Nacken sitzen, sondern er kann auch seriös. In Schweden genießt er großes Ansehen, arbeitet dort unter anderem für den schwedischen Eurosportsender als Fußballexperte. Die Eintracht hatte Tauer nach dem Abstieg 2007 zu Djurgårdens IF in Schweden verlassen und das obwohl er auch ein Angebot vom SC Freiburg vorliegen hatte. „An dieser Stelle möchte ich auch nochmal klarstellen, dass ich gerne in Braunschweig geblieben wäre. Ich habe den Verein und Fans geliebt und tue es auch noch heute. Aber zur damaligen Zeit ging vieles drunter und drüber. Keiner wusste so wirklich, wie es weitergeht. Also habe ich mich für das Abenteuer Schweden entschieden“, so der 36-Jährige und er lag damit goldrichtig.

Bei Djurgårdens IF erlebte er eine erfolgreiche Zeit, spielte UEFA-Cup-Qualifikation, und wird von den Fans immer noch als Idol verehrt. Unter anderem, weil er den Verein vor dem Abstieg rettete und seitdem als „Janne Tauer Beckenbauer“ oder einfach nur „Jesus“ gefeiert wird. „Jeder Spitzname zeigt doch, dass ich irgendwas richtig in meiner Karriere gemacht habe. Ich war sicherlich nie der filigranste Fußballer, dennoch ich wollte immer mit Herz und Leidenschaft spielen und ich glaube, dass ist mir gut gelungen“, hofft Jan Tauer, der in Zukunft einen Job als Cheftrainer anstrebt. „In nächster Zukunft möchte ich den Fußballlehrer machen und meine Erfahrungen weitergeben.“ Ob er dann nach Braunschweig zurückkehrt? „Wie heißt es so schön, man sieht sich zwei Mal im Leben. Einem Verein wie der Eintracht wünsche ich nur das Beste und hoffe das sie schnellstmöglich wieder in die zweite Bundesliga zurückkehrt.“

Familienmensch: Jan Tauer und sein Sohn. Foto: privat



Teil 2: Marco Grimm, die "Kampfsau" unter den Löwen


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