Eintracht Braunschweig gegen VfB Lübeck am 28. März 1998: Leo Maric köpft ein zum 1:0 (16.). Das Spiel der Regionalliga Nord endete 2:1 für die Löwen.
Eintracht Braunschweig gegen VfB Lübeck am 28. März 1998: Leo Maric köpft ein zum 1:0 (16.). Das Spiel der Regionalliga Nord endete 2:1 für die Löwen. Foto: David Taylor
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18.03.2020

Gestern Eintracht, heute: Leo Maric, der Derbyheld aus dunklen Zeiten

von Henrik Stadnischenko


Braunschweig. Die Neunziger waren wahrlich kein erfolgreiches Jahrzehnt für die Fußballer von Eintracht Braunschweig. Zeitweise hatten sie ihren Status als Sportteam Nummer 1 gegenüber den Braunschweiger Lions eingebüßt und mussten so um jeden Zuschauer kämpfen. Dementsprechend gab es in dieser Zeit nur wenige echte Stars. Wenn man von dieser Zeit spricht, darf ein Name nicht fehlen – der von Leo Maric.

"Eintracht ein Teil meines Lebens und meiner Geschichte."


Während alleine der Trikotsponsor „V-Markt“ den Eintracht-Fan an dunkle zeitweise mittelmäßige Zeiten in der Regionalliga Nord erinnern lässt, ruft er bei Leo Maric großen Stolz hervor. Zwei Jahre lang lief der, mittlerweile in den USA beheimatete, Stürmer für die Blau-Gelben auf und erzielte in 62 Spielen 21 Tore.

Bevor wir auf seine aktive Zeit gehen können, will Maric von uns in einer sympathischen Mischung aus Deutsch und Englisch wissen, was wir vom momentanen „Shutdown der Liga“ halten. Wir antworten, dass wir die amerikanische MLS (Major League Soccer) interessiert verfolgen. Maric erwidert fast schon böse: „Ich meine die deutsche dritte Liga.“ Wir sind verwundert, schließlich lebt Maric in Seattle und da sollte es eigentlich logisch sein, dass er trotz seiner Eintracht-Vergangenheit eher den MLS-Meister Seattle Sounders verfolgt. Als er Teile des momentanen Kaders aufzählt und seine persönliche Meinung zu Marco Antwerpen und Peter Vollmann kundtut sind wir baff.

„Wir haben in den USA das Wundermittel Internet, das scheint in Deutschland noch nicht angekommen zu sein“, lacht Maric und schiebt nach: „Ich informiere mich fast jeden Tag im Internet über die Gegebenheiten der Eintracht und wenn ich einen Live-Stream von den Eintracht-Spielen finde, schaue ich selbstverständlich jedes Spiel. Die Eintracht ist ein Teil von meinem Leben und meiner Geschichte, warum sollte ich die ausblenden, nur weil ich jetzt in den Staaten lebe“, betont Maric.

Trug das Eintracht-Trikot mit Stolz: Leo Maric. Foto: privat


Lediglich zwei Jahre spielte Maric in Braunschweig. Für den heute 45-Jährigen war es die schönste Zeit in seiner Karriere: „So wie ich die Eintracht-Fans kennengelernt habe mögen sie keine Schleimer und keine Diven, also fass ich mich kurz. Diese Unterstützung, die wir zu meiner aktiven Zeit erfahren haben, war unfassbar und unglaublich. Wir sind zu Auswärtsspielen gefahren, deren Vereinsnamen ich noch nie in meinen Leben gehört hatte, dann bist du im Stadion angekommen und einige tausend Fans waren mitgereist. Manchmal könnte man endlose Sätze sagen und würde trotzdem nicht zum Ende kommen. Hier reichen wenige Worte. Danke für eure bedingungslose Liebe und Treue“, sagt Maric voller Inbrunst.

1996 war der damals 22-Jährige vom belgischen Erstligisten KRC Genk nach Braunschweig gewechselt. Trotz seiner jungen Jahre hatte er schon einiges im Leben durchgemacht: Jugend-Nationalspieler von Jugoslawien, eines der größten Stürmertalente des Landes und jüngster Debütant seines damaligen Vereins FK Velez Mostar, mit gerade einmal 16 Jahren. Doch der Krieg in seinem Heimatland veränderte seine Karriere schlagartig. Statt Tore zu schießen, ging es darum mit seiner Familie so schnell wie möglich aus dem Land zu fliehen.

Heute eine begehrte Autogrammkarte: Leo Maric. Foto: privat


Einmal Derbyheld


Sie gingen nach Deutschland, wo Vater Enver Maric von 1976 bis 1978 für den FC Schalke 04 als Torhüter gespielt hatte. Für Leo folgte eine unfreiwillige Reise durch Nordrhein-Westfalen. Seine Klubs hießen Rot-Weiß Essen, Fortuna Düsseldorf und Rot-Weiß Oberhausen. Es folgte der Wechsel nach Belgien zum KRC Genk, von wo aus er bekanntlich 1996 nach Braunschweig wechselte.

„Als junger Spieler kannst du natürlich die Bilder oder Emotionen, die du aus deinem Heimatland mitbekommst nicht einfach abstellen. Für mich war der Fußball eine Möglichkeit mich abzulenken, auch, weil ich mein Leben voll und ganz nach diesem ausgerichtet hatte. Zwischen der Eintracht und mir hat es einfach gepasst. Ich habe sofort gespürt, dass der damalige Manager Jan Schindelmeiser und Trainer Benno Möhlmann mich unbedingt verpflichten wollten. Einen Tag habe zur Probe mittrainiert, dann habe ich den Trainer angeschaut und ohne groß zu reden war klar, ich bleibe in Braunschweig“, betont der ehemalige Angreifer, der in Washington mit seiner Frau und den beiden gemeinsamen Kindern lebt und als Jugendtrainer für Washington Crossfire arbeitet.

Als wir ihn fragen gegen welchen Verein er sein schönstes Tor erzielt hat, will er aus der Pistole geschossen den Namen sagen, zögert kurz und entgegnet schließlich: „Es war im Derby, der Vereinsname ist mir leider entfallen. Aber ich glaube es ist auch nicht so schlimm, wenn ich den Namen nicht weiß oder?“, fragt Maric augenzwinkernd. Das besagte Spiel gegen die Mannschaft aus der niedersächsischen Landeshauptstadt ging am Ende mit 3:2 für die Braunschweiger Eintracht aus. Die Führung besorgte Leo Maric nach Vorarbeit von Marko Dehne.

"Lorkowski wollte keine Widerworte"


Die Beziehung Braunschweig-Maric bröckelte, als Benno Möhlmann gegen Michael Lorkowski ausgetauscht wurde oder besser gesagt Möhlmann die Eintracht Richtung Zweitligist Fürth verließ: „Es wird immer gesagt, Lorkowski war ein kommunikativer Trainer. Komischerweise habe ich davon selten was mitbekommen. Ich weiß nicht, ob er Angst vor mir oder ein persönliches Problem mit mir hatte. Er hat sehr selten den direkten Kontakt gesucht. Während ich von Benno Möhlmann viel gelernt habe – sei es taktisch oder spielerisch – habe ich von Michael Lorkowski gelernt, mich niemals wie er gegenüber Menschen zu verhalten“, so Maric ernst.

Doch woher kommt die Abneigung gegenüber Lorkowski? „Ich hatte damals Probleme mit der Schilddrüse, aufgrund dessen ich später auch meine Karriere beenden musste, und wurde vom Arzt für eine Woche krankgeschrieben. Den Trainer hat es aber nicht interessiert, er sagte nur, 'solange ich laufen kann, kann ich auch trainieren'. Zudem bin ich jemand der klar seine Meinung sagt und Missstände anspricht. Im Nachhinein hätte ich wahrscheinlich mein Mund halten sollen und hätte es leichter gehabt. Das bin ich aber nun mal nicht. Lorkowski wollte keine Spieler, die Widerworte geben. Auch wenn es hart klingt, den Aufstieg haben wir 1998 wegen ihm nicht geschafft. Er hat in der Saisonschlussphase Entscheidungen getroffen, die keiner verstehen konnte. Ich bin mir sehr sicher, mit Benno Möhlmann als Trainer wären wir aufgestiegen“, betont der 45-Jährige.

Zum Abschluss des Gesprächs findet Leo Maric noch einmal klare Worte: „Ich wünsche den Fans von ganzem Herzen den Aufstieg. Ob Manager, Trainer oder die Spieler, sie alle sollten sich bewusst machen was für ein besonderer Verein die Eintracht ist. Noch haben die Spieler und der Trainer großenteils nichts in ihrer Karriere erreicht, dass sollte Motivation genug sein, um alles dem Ziel Aufstieg unterzuordnen.“

1998 zog es Maric zu Union Berlin. Foto: imago


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