26. Mai 1973: Ludwig Brüdl beim 3:2-Sieg im Derby gegen Hannover am Ball.
26. Mai 1973: Ludwig Brüdl beim 3:2-Sieg im Derby gegen Hannover am Ball. Foto: imago/Rust
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02.05.2020

Gestern Eintracht, heute: Ludwig Bründl, der bayrische Löwe

von Henrik Stadnischenko


Braunschweig. Eintracht Braunschweig stellte über die Jahrzehnte hinweg in den verschiedensten Ligen auch Torschützenkönige. Nur ein Löwe schaffte es dagegen je im blau-gelben Trikot, diesen "Titel" im UEFA-Cup zu gewinnen: Ludwig “Bubi“ Bründl.

"Sie dachte wir müssen nach Ostdeutschland"


Ludwig Bründl lebt heute wieder in der Nähe seiner Heimatstadt München. Hier begann alles, wo „Bubi“ Bründl Fußball-Profi beim TSV 1860 München wurde, mit den bayerischen Löwen die Meisterschaft 1966 feierte und sich eine Spielzeit später den niedersächsischen Löwen im Kampf um den Meistertitel geschlagen geben musste.

Noch heute ist der 73-Jährige für die Traditionsmannschaft der "Sechzger" aktiv. Doch nicht nur für den TSV 1860 München schlägt sein Herz, auch Eintracht Braunschweig hat einen besonderen Platz. Denn den Großteil seiner aktiven Profi-Karriere verbrachte der Mittelstürmer nicht an der Isar sondern an der Oker. In 120 Partien erzielte er 58 Tore. 1971 war Bründl als frischgebackener Torschützenkönig von den Stuttgarter Kickers nach Braunschweig gewechselt. Über diesen Wechsel war seine Frau nicht besonders begeistert: „Meine Frau reagierte leicht hysterisch, als ihr sagte, ich wechsle nach Braunschweig. Sie dachte wir müssen nach Ostdeutschland ziehen, denn Braunschweig wurde damals von vielen mit der DDR in Verbindung gebracht. Komischerweise ist ihr dann der Abschied aus Braunschweig schwerer gefallen als mir. Wir besaßen damals zunächst eine kleine Wohnung in Lehndorf und sind dann, nachdem unsere Kinder geboren wurden, nach Watenbüttel gezogen“, blickt der ehemalige Angreifer zurück.

Wie bereits Reiner Hollmann und Dietmar Erler gegenüber regionalsport.de berichteten, schwärmt auch „Bubi“ Bründl vom damaligen Zusammenhalt: „Vom ersten Tag an haben wir uns heimisch gefühlt. Die neuen Spieler wurden von Beginn an super integriert. Die Gemeinschaftsessen bei 'Conny' haben ihren Teil dazu beigetragen. Ich würde über die Truppe von damals niemals ein schlechtes Wort verlieren. Durch die Bank weg waren alle Spieler feine Charaktere und ehrliche Typen. Stellvertretend muss Bernd Gersdorff genannt werden, der sich extrem um die Eingliederung der Neuzugänge gekümmert hat. Ich denke, diese Kameradschaft hat auch deshalb funktioniert, weil noch keine großen Gehälter gezahlt wurden und so kein Neid entstand. Heutzutage, muss man leider sagen, ist das Ego der Spieler und der eigene Geldbeutel wichtiger, als die Identifikation mit dem Verein und der Zusammenhalt innerhalb der Mannschaft“, betont der 73-Jährige.

30. August 1975, spätere Legenden gegen Werder Bremen auf der Bank: Ludwig Bründl (Hände verschränkt) und rechts daneben: Hans Jürgen Hellfritz, Hartmut Konschal, Dieter Zembski, Danilo Popivoda und Jaro Deppe. Links daneben: Torwart Uwe Hain. Foto: imago/Rust


"An dem Tag hat einfach alles gepasst!"


Spricht man mit „Bubi“ Bründl über Braunschweig darf DAS Spiel seiner Eintracht-Zeit nicht fehlen. 28. September 1971, Rückspiel in der ersten Runde des UEFA-Cups gegen den nordirischen Vertreter Glentoran FC. Was folgt ist der große Auftritt von Ludwig Bründl: Fünf Mal trifft der BTSV-Stürmer gegen den überforderten Gegner aus Belfast. „An dem Tag hat einfach alles gepasst. Dabei wäre die Partie um Haaresbreite gar nicht angepfiffen worden. Zu der Zeit herrschte der Nordirland-Konflikt und wir hatten Angst zwischen die Fronten zu geraten. Jedoch wurde uns sowohl der deutschen als auch von der nordirischen Botschaft garantiert, dass alles sicher ablaufen wird. Trotzdem herrschte ein komisches Gefühl“, erinnert sich der Ex-Löwe.

In der zweiten Runde traf die Eintracht auf Athletic Bilbao aus Spanien. Für Bründl war die Partie im Baskenland das Highlight-Spiel während seiner Zeit in Braunschweig: „An das Spiel in Spanien erinnere ich mich am liebsten. Die spanischen Fans waren besonders emotional. Überall Musik und Trommelgeräusche. Zwischendurch habe ich mir gedacht: 'Für solche Momente bin ich Fußballprofi geworden'“, erklärt Bründl, der gegen Bilbao insgesamt drei Treffer erzielte. In der dritten Runde gegen Ferencvaros Budapest war dann Schluss für den BTSV.

Eintracht Braunschweig 1973/74. Foto: H.U. Hübner


Mit dem Kaiser auf einem Zimmer
Trotz des Ausscheidens reichten die zehn Turniertreffer von Bründl aus, um sich den Titel als Torschützenkönig im UEFA-Cup zu sichern. Auch in der Bundesliga zeigte sich der gebürtige Bayer treffsicher, doch eine Nominierung für die Nationalmannschaft blieb aus. Der Ex-Stürmer hat dafür gleich mehrere Erklärungen parat: „Zum einen hatte ich mit Uwe Seeler, Gerd Müller und Jupp Heynckes brutale Konkurrenz. Zum anderen war Braunschweig damals die graue Maus in der Bundesliga. Ich erinnere mich an Bernd Franke, der über Wochen herausragende Leistungen gebracht hat und trotzdem Monate lang auf eine Nominierung warten musste. Das Problem war zusätzlich, dass die Eintracht nie Livespiele bekam und mit wenigen Sendeminuten in der Sportschau abgespeist wurde“, so Bründl.

Wäre er nominiert worden, wäre wahrscheinlich klar gewesen mit wem er sich das Zimmer geteilt hätte: „Während der Lehrgänge als Junioren-Nationalspieler habe ich immer mit Franz Beckenbauer auf einem Zimmer gelegen. Man muss sich vorstellen, damals waren der Franz und meine Person die einzigen bayrischen Spieler, die nominiert wurden“, sagt der Ex-Stürmer schmunzelnd.

Weniger gerne erinnert sich Bründl an den frühen Abend des 9. Juni 1973. Nach einer 1:2-Niederlage gegen Fortuna Düsseldorf steht der Abstieg aus der Bundesliga fest. Heute sieht er den Abstieg als Glücksfall an. „Zwei Spieltage vor Schluss betrug unser Vorsprung drei Punkte auf einen Abstiegsplatz und sind dennoch abgestiegen. Das war kein Pech sondern der Abstieg war einfach verdient. Am Abend wurden wir im Hotel versammelt und die gesamte Mannschaft verlängerte zu gleichen Bezügen. Der Grundstein für die Fast-Meisterschaft 1977 wurde an diesem Abend gelegt“, ist sich Bründl sicher.

Bei der Vorstellung des neuen Jägermeister-Trikos: Friedhelm Häbermann, Ludwig Bründl, Bernd Gehrsdorff, Günter Mast und Bernd Franke am 16. Januar 1973 (vlnr.). Foto: imago/Rust


"Zebec war der beste Trainer den ich je hatte!"


Eine Spielzeit später schaffte man mit einer Tordifferenz von 125:23 die Rückkehr in die Bundesliga. Mit einer Traumquote von 20 Toren in 25 Partien leistete „Bubi“ Bründl seinen Anteil. Zur Saison 1974/1975 kam jemand nach Braunschweig, der von allen nur ehrfürchtig „der General“ genannt wurde – Branko Zebec. „Er war der beste Trainer den ich hatte. Er formte ein Team, welches zuvor nur Hauruckfußball gespielte, zu einer Mannschaft um, die mit spielerischen Elementen überzeugte. Jedoch von Trainingssteuerung hatte er keine Ahnung. Nach dem 15. Spieltag waren wir Tabellenzweiter. Anstatt die Kräfte einzuteilen, hat er uns kaputt trainiert. Am Saisonende sind wir im Mittelfeld gelandet. Die Kommunikation, die man heute zwischen Trainer und Spieler kennt, gab es damals nicht. Zebec sagte immer gerne: 'Ich bin Fußballlehrer und nicht Deutschlehrer' “, erzählt „Bubi“ Bründl.

Während Zebec dem Alkohol sehr zugeneigt war, muss Ludwig Bründl bei diesem Thema passen und schockt wahrscheinlich einige Eintracht-Fans: „Ich habe noch nie Jägermeister getrunken und vertrage ehrlich gesagt auch kein Alkohol. Wenn ich bei 'Conny' zwei Alster trank, war ich so gut wie voll“, lacht er. Kein Jägermeister?! Wie kam er dann mit Günter Mast und seinem Sponsoring bei der Eintracht klar? „Hervorragend. Wir haben Herrn Mast als einen sehr weltmännischen und sympathischen Menschen kennengelernt. Er hat sich nie in die sportlichen Belange eingemischt. Die Gerüchte, wir hätten nach dem Einstieg von Jägermeister doppelt so viel Gehalt verdient, sind falsch. Ich habe zum Beispiel 2.000 DM Grundgehalt gekommen. Die heutigen Gehälter sind für mich nicht mehr greifbar. Die Weltstars sollen ihre Millionen verdienen, aber mittlerweile bekommen einfache Bundesligaspieler schon ihre Million. Ich würde mir von der UEFA eine Deckelung der Gehälter wünschen“, betont Ludwig Bründl.

Zum Ende seiner aktiven Karriere in Braunschweig trat das ein, wovor ihn Horst Wolter immer gewarnt hatte: „Luffe sagte mir: 'Irgendwann wird jeder Profi den Eintracht-Fans überdrüssig und sie halten eher zu den jüngeren Spielern.' Das war bei Wolfgang Frank und mir genauso. Branko Zebec wollte nur ihn als Mittelstürmer einsetzen und mich auf die Außenbahn ausweichen lassen. Dies klappte überhaupt nicht", betont Bründl. So verließ Ludwig Bründl die Eintracht nach der Saison 1975/76 in Richtung Schweiz.

Doch was bleibt aus der Braunschweiger-Zeit? „Leidenschaftliche Fans, die wirklich alles für ihren Verein gaben und ein genauso leidenschaftliches Team, welches durch mannschaftliche Geschlossenheit glänzte. Wir waren nicht 11 Freunde sondern 16, 17 Freunde. Ich bin stolz ein Teil dieses Vereins gewesen zu sein“, sagt der sympathische Bayer abschließend.

Teil 23: Wolfgang Grobe


Teil 22: Reiner Hollmann


Teil 21: Milos Kolakovic


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