Auch ein Franck Ribery traf gelegentlich auf echte Legenden.
Auch ein Franck Ribery traf gelegentlich auf echte Legenden. Foto: Frank Vollmer/Archiv
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10.05.2020

Gestern Eintracht, heute: Matthias Henn, der Mentalitätslöwe

von Henrik Stadnischenko


Braunschweig. Acht Jahre stand Matthias Henn für die Braunschweiger Eintracht auf dem Platz. In dieser Zeit machte er alles mit, von der Last-Minute-Qualifikation für die 3. Liga, über den Aufstieg in die zweite Liga, bis hin zum „Wunder von Braunschweig“ – dem Bundesligaaufstieg 2013. Mittlerweile ist der ehemalige Innenverteidiger in die Region zurückgekehrt.

Alle Umzugskartons sind noch nicht ausgepackt und dennoch fühlt sich Matthias Henn wieder heimisch. Seit dem 15. April wohnt der ehemalige Eintracht-Profi in Wolfenbüttel und hat ein Studium an der IST-Fernuniversität mit dem Schwerpunkt „Sportfachwirt“ in Düsseldorf begonnen. Seinen Praxisanteil absolviert er, wie könnte es anders sein, im NLZ bei Eintracht Braunschweig – bei jenem Verein für den er von 2007 bis 2015 aktiv war (Mehr hier).

"Man entwickelt sich nicht nur als Sportler weiter"


In dieser Zeit stand Henn zwar häufig im Schatten der Offensivkräfte, um Domi Kumbela und Dennis Kruppke, trotzdem besaß sein Wort in der Kabine großes Gewicht. Was viele Außenstehende gar nicht wissen: Der Innenverteidiger setzte sich sehr intensiv mit dem Mentaltraining auseinander und arbeitet auch noch heute mit der bekannten Mentaltrainern Judith Ebeling zusammen. Ein Thema, dass heutzutage immer noch belächelt wird, „leider“, wie Matthias Henn betont. „Die Gesellschaft hat sich schon gewaltig gewandelt und ist offen für Mentaltraining, aber dennoch gibt es Menschen, die dieser Thematik keinerlei Beachtung schenken und eher darüber schmunzeln. Ich habe von dem Erlernten sehr profitiert. Besonders bei schweren Verletzungen hilft dir ein solches Training extrem, denn kein Profisportler, wenn er sich in der Reha quält, erlebt nur gute Stunden und erfährt kein Tief. Man entwickelt sich nicht nur als Sportler weiter, sondern macht auch im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung Fortschritte“, erklärt Henn.

Doch warum ist seiner Meinung nach Mentaltraining so wichtig? „Ich glaube, um sich langfristig im Spitzensport durchsetzen zu können, braucht man einen Mentaltrainer oder eben von sich aus mentale Stärke. Im Spitzensport geht es darum, konstant über 90 Minuten seine Leistung abzurufen. Auch wenn es belächelt wird, 90 Minuten können eine lange Zeit sein, denn ein Fehler in der 89. Minute und dein Team steht mit leeren Händen da. Das Training hilft, um mit möglichen Fehlern umzugehen, die innerhalb der 90 Minuten passieren und trotzdem die Konzentration hoch zu halten. Bei den Gesprächen versucht man seine Leistung ehrlich zu reflektieren. Natürlich reflektiert man im Gespräch mit einem Co-Trainer auch, aber dort geht es fast ausschließlich um gruppentaktische Dinge. Beim Mentaltraining lernt man zusätzlich, wie man mit Stress- oder Drucksituationen umgeht und trotzdem eine Gelassenheit an den Tag legt“, verdeutlicht Henn.

Verletzungen verhinderten mehr. Und doch war Henn bei allen wichtigen Augenblicken dabei. Foto: Frank Vollmer/Archiv


"Der wichtigste Aufstieg für den Verein"


Mit Drucksituationen kennt sich der gebürtige Pfälzer aus: 113 Mal lief Henn für die Eintracht auf, feierte mit ihr zwei Aufstiege. Doch welcher Erfolg war schöner? „Erstmal haben wir drei Aufstiege gefeiert, die Qualifikation für die dritte Liga war wahrscheinlich der wichtigste Aufstieg für den Verein. Man wird es nicht glauben, aber für mich war der Aufstieg von der dritten in die zweite Liga emotionaler, weil ich als Stammspieler den Aufstieg feiern durfte. Natürlich war der Bundesligaaufstieg ein absolutes Highlight, aber für mich persönlich hat der Aufstieg von Liga Drei in Liga Zwei einen größeren Stellenwert“, erklärt Henn.

Beim Schwelgen in Erinnerungen kommt er aus dem Schwärmen für die damalige Mannschaft gar nicht mehr raus: „Die Jungs waren überragend. Ich lege mich fest, wir hätten diese Erfolge nicht erzielt, wenn wir menschlich nicht so gut miteinander klargekommen wären. Wir empfanden es auch als Normalität, mit 8 bis 10 Leuten zum Mittag oder abends auf dem Kohlmarkt oder im Vapiano zu sitzen und Zeit zu verbringen. Erfolg kannst du nur haben, wenn die Spieler auch außerhalb des Platzes gerne etwas gemeinsam unternehmen“, ist sich Henn sicher.

Obwohl Henn, wie bereits erwähnt, meistens im Schatten der Spieler à la Kumbela, Kruppke, Boland stand, genoss er hohes Ansehen bei den Fans. Wie hat der 35-Jährige die Zeit selbst empfunden? „Generell sind die Spieler, die die Fans unterhalten beliebter als Akteure, die einfach nur tackeln oder grätschen. Ich glaube, die Braunschweiger Fans haben ein gutes Gespür dafür gehabt, wer sich mit dem Verein identifiziert und wer nicht. Natürlich gab es auch Spiele, in denen alles in die Hose ging, aber dennoch habe ich immer versucht mit Vollgas zu spielen und Eintracht Braunschweig würdig auf dem Platz zu vertreten. Um bei der Eintracht zu bestehen, brauchst du Ehrlichkeit, Leidenschaft und Wille“, so Henn.

Nur zwei Einsätze in der Bundesliga – wie hier beim 2:3 gegen Schalke am 19. Oktober 2013 – sind zwei mehr als die Meisten in ihrem Leben vorweisen können. Foto: Agentur Hübner/Archiv


"Ich wusste, worauf ich mich einlasse"


Während der gebürtige Pfälzer in zweiten und dritten Liga gesetzt schien, musste er es sich in der Bundesliga, häufiger als ihm lieb war, auf der Bank bequem machen. Immerhin gegen den FC Schalke 04 und den FC Bayern München durfte er über volle 90 Minuten ran. Ein schwacher Trost? „Ich würde das nicht so negativ und abwertend sehen. Natürlich hätte ich gerne mehr Spiele absolviert, aber ich wusste worauf ich mich einlasse. Torsten Lieberknecht teilte mir vor der Saison mit, dass ich wahrscheinlich wenig Spielpraxis erhalten werde und den Verein verlassen könnte. Nur wollte ich das nicht, denn im Fußball kann alles passieren und ich wollte mir die Chance auf Bundesligaeinsätze nicht nehmen lassen“, betont der 35-Jährige.

Mit dem Ingolstadt-Spiel verbinden alle Eintracht-Fans die größten emotionalen Gefühle. Matthias Henn verbindet den Abend auch mit einem unschönen Moment: „An diesem Abend habe ich gelernt, man öffnet eine geschlossene Bierflasche mit einem Bieröffner und nicht mit einer leeren Bierflasche. Der Flaschenhals ist abgebrochen und meine Fingerkuppe hing danach, im wahrsten Sinne des Wortes am seidenen Faden. Zum Glück hatte unser Mannschaftsarzt nur ein, zwei Radler getrunken und konnte alles zusammennähen. Ungünstigerweise musste es schnell gehen und so wurde ohne Narkose genäht. Die Party war natürlich für mich gelaufen und nur mit angezogener Handbremse möglich“, erklärt Henn lachend.

Aufstiegsheld Henn (li. mit Zeugwart Christian Bussi Skolik und Orhan Ademi) wäre an diesem Abend doch besser beim Plastikbecher geblieben. Foto: Agentur Hübner/Archiv


Die "Akte" Henn


Die Karriere von Henn könnte auch als Akte Henn ausgelegt werden. Obwohl der Innenverteidiger über 100 Partien für die Eintracht absolvierte, verpasste er immer wieder Partien aufgrund von schweren Verletzungen. 2011 riss er sich zum zweiten Mal in seiner Karriere das Kreuzband. Für viele Sportler das Ende ihrer Laufbahn. Doch Henn kämpfte – besser gesagt quälte – sich zurück. „Die Zeit war wirklich beschissen. Am meisten habe ich die Sprüche gehasst wie: 'Ach Matze, das wird schon wieder' oder 'Ach Matze, das bisschen Reha'. Es sind nicht unbedingt die Schmerzen, sondern die Ungewissheit, die dich verzweifeln lässt. Wie sieht dein Knie morgen aus? Gestern sah es doch besser aus. Zwischenzeitlich verlassen andere Spieler die Reha, die teilweise nach dir gekommen sind, das zieht einen nach unten. Als Fußballprofi kommt dann meistens der Spruch: 'Das steckt man so weg und ich quäle mich gerne'. Das ist aber nicht der Fall. Manche Spieler gehen daran kaputt oder hören mit dem Fußball komplett auf. So ein Tag in der Reha ist auch kein Zuckerschlecken. Von 9 Uhr bis 17 Uhr hast du verschiedene Behandlungen und Therapien. Salopp gesagt, dagegen ist das Trainingspensum eines gesunden Profis ein Witz. Ich habe mich durch die Verletzungen immer mit dem Antrieb herausgekämpft, dass meine Jugend in der ich viel für den Fußball geopfert habe, nicht umsonst gewesen sein sollte“, sagt Henn.

Trotz der Verletzungen bewertet Matthias Henn seine Zeit in Braunschweig positiv: „Wenn ich die Zeit in Braunschweig als negativ empfinden würde, wäre ich wahrscheinlich nicht wieder in die Region gezogen. Die Zeit beim BTSV hat mich mit Höhen und Tiefen geprägt, aber insgesamt war es eine super Zeit und ich blicke sehr gerne auf die Momente mit den Fans und dem Team zurück. Ich hoffe, es wird bald wieder eine Zeit geben, in der ich als Eintracht-Fan im Stadion stehen und die jetzigen Löwen zum Sieg pushen kann“, blickt der 35-Jährige voraus.

Kein Lautsprecher und doch immer mittendrin: Mathias Henn (2.v.r.). Foto: Frank Vollmer/Archiv


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