Von 1979 bis 1986 bei Eintracht Braunschweig: Michael Geiger.
Von 1979 bis 1986 bei Eintracht Braunschweig: Michael Geiger. Foto: imago
Anzeige

Artikel teilen per:

11.06.2020

Gestern Eintracht, heute: Michael Geiger, der Vize-Europameister

von Henrik Stadnischenko


Braunschweig. Spricht man heute von dem Talent der Neunzehnhuntertachtziger fällt sehr oft der Name Peter Lux. Dabei gab es seinerzeit noch einen zweiten Jungprofi, der sich in den bundesweiten Fokus spielte. Sein Name war Michael Geiger.

"Junge, du wechselst nirgendwo hin!"


Es gibt diese Standardfragen, die jeder Ex-Profi hasst. Und auch als Journalist möchte man eigentlich zur nächsten Frage übergehen – aber stellt sie trotzdem: „Wie zufrieden sind Sie mit ihrer Karriere?“ In diesem Falle ist die Frage aber bewusst gestellt, den Michael Geiger spielte mit den ganz Großen des deutschen Fußballs, als diese noch kleine Randfiguren im Profifußball waren.

Rudi Völler, Lothar Matthäus, Pierre Littbarski und eben Michael Geiger wurden Vize-Europameister mit der U21-Nationalmannschaft. „Natürlich erwartet jeder bei einer solchen Frage, die Antwort: 'Ich hätte mir mehr erhofft, natürlich hätte ich mir die große Karriere erträumt.' Aber wer entscheidet was eine große Karriere ist? Ist eine Karriere nur dann etwas wert, wenn man Titel gewonnen hat oder kann man von einer großen Karriere sprechen, wenn man zurückblickt und sagt: 'Ich habe das Bestmögliche aus meinem Talent rausgeholt und bin verdammt stolz auf darauf'. Man sollte als Mensch mehr Zufriedenheit an den Tag legen und anstatt zu schauen, was man nicht hat, dankbar dafür sein, was man erreicht hat“, betont der 59-Jährige.

Und man muss neidlos anerkennen, Michael Geiger hat eine Menge aus seinem Talent gemacht. Über 400 Partien absolvierte er im Profifußball, insgesamt 220 alleine für die Braunschweiger Eintracht. Dass es überhaupt zum Wechsel in die Löwenstadt kam ist auf den damaligen NFV-Präsidenten Gustl Wenzel und die Altersstruktur beim BTSV zurückzuführen: „Ich war mit der Jugend-Nationalmannschaft auf einem Turnier, Gustl Wenzel sah mich, empfand mich als gut, kriegte aber heraus, dass ich auch Angebote von Eintracht Frankfurt, dem VfB Stuttgart und Hertha BSC Berlin vorliegen hatte. Seine Antwort an mich: 'Junge, du wechselst nirgendwo hin. Ich bringe dich zu Eintracht Braunschweig.' Für die Eintracht hat auch der hohe Altersdurchschnitt gesprochen. Ich habe einen Zwei-Jahres-Vertrag unterschrieben, mit dem Ziel und der Hoffnung schnellstmöglich zum Bundesligaspieler zu reifen. Bei den anderen Vereinen wäre die Wahrscheinlichkeit geringer gewesen, sich innerhalb von zwei Jahren zum Stammspieler zu entwickeln. Der Abstieg 1980 aus der Bundesliga war für mich auch ein Glücksfall, weil dadurch noch mehr auf junge Spieler gesetzt werden musste“, lässt Geiger seine Anfangszeit Revue passieren.

Die Eingewöhnung war besonders neben dem Platz hart, denn der damals 18-Jährige musste sich fernab der schwäbischen Heimat Heilbronn durchbeißen und erwachsen werden. „Für mich war das nicht immer leicht, weg von der Familie. Ich musste mir schnell die Selbstständigkeit aneignen. Zum Glück waren wir mehrmals die Woche mit der gesamten Mannschaft in irgendwelchen Restaurants, sodass ich mir keine Sorgen machen musste, weil ich bis dahin nicht kochen konnte“, erklärt Geiger schmunzelnd.

"Stinknormale Menschen, wie du und ich!"


Doch wie war das für einen jungen Burschen neben gestandenen Spielern, wie Bernd Franke, Franz Merkhoffer oder Reiner Hollmann im Training zu stehen? „Natürlich herrscht erstmal großer Respekt vor diesen Spielern, weil sie viel in ihrer Karriere erreicht haben. Die Hierarchien waren klar. Wir Jungen mussten die Koffer, Bälle tragen und Hütchen holen, wenn es die Alten wollten. Sie haben uns Jungprofis aber nie schlecht oder von oben herab behandelt. Neben dem Platz waren es stinknormale Menschen, wie du und ich. Besonders von Bernd Franke, Wolfgang Grobe und Franz Merkhoffer habe ich viel lernen und mitnehmen können. Insbesondere in schwierigen Zeiten haben sie Verantwortung auf und neben dem Platz gezeigt. Die Prototypen von Führungsspielern. Denn Führungsspieler werden in schlechten Zeiten geboren und nicht, wenn alles gut läuft. Was mich aber besonders beeindruckt hat war der Zusammenhalt in der Mannschaft. Die Spieler spielten über Jahre hinweg zusammen. Heute undenkbar, dass man als Profi drei Jahre oder länger im selben Verein spielt. Insgesamt war die Zeit bei der Eintracht einfach nur geil. Ich würde auch nie ein schlechtes Wort für die Zeit verlieren, weil trotz der ganzen Auf und Abs der Spaß und die Freude immer im Vordergrund stand“, betont der Ex-Löwe, der das Pokalspiel gegen den Hamburger SV und die Bundesliga-Aufstiegsspiele gegen Kickers Offenbach als seine Highlight-Partien bezeichnen würde.

„Das Spiel gegen den HSV besitzt für mich einen Kultstatus. Nicht nur, dass ich zweimal getroffen habe. Nein, wir haben den HSV, damals Bundesliga-Tabellenführer, in der Verlängerung besiegt. Etwas, was uns keiner zutraute. Das Stadion verwandelte sich nach dem Abpfiff in ein Tollhaus. Ähnliche Stimmung herrschte, nachdem wir gegen Offenbach die Rückkehr in die Bundesliga schafften. Solche Augenblicke und Momente vergisst man nicht“, erklärt Michael Geiger.

Mit Lothar Matthäus verbindet Geiger besondere Zeiten. Foto: imago


"Lothar Matthäus bettelte so lange, bis ..."


An ein Spiel gegen Rot-Weiß Oberhausen erinnert er sich dagegen nur sehr ungern: „In dem Spiel ist aber auch alles schief gelaufen. Ich wurde ständig von den Gegenspielern überlaufen, habe Fehlpässe gespielt. Das hat mich so sehr belastet, dass ich Tage danach wenig gegessen und abgenommen habe. Kurioserweise haben wir das Spiel gewonnen und die Vorlage ging auf meine Kappe“, lacht Geiger.

Lachen muss er auch bei seiner speziellen Erinnerung, die mit dem Rekordnationalspieler der deutschen Nationalmannschaft zusammenhängt: „Wir hatten ein Turnier mit der U21-Nationalmannschaft in Usbekistan. Mir war bewusst, dass auf uns kein vernünftiges Essen warten würde. Also steckte ich mir Dosenwurst und Schokolade in meine Reisetasche. Irgendwann bekam Lothar Matthäus das raus und bettelte solange, bis ich ihm für 10 DM eine Tafel Schokolade verkaufte“, sagt Michael Geiger noch immer amüsiert.

"Heutzutage sind die Spieler gläsern."


Von den Achtzigern bis in die Jetzt-Zeit hat der Fußball eine deutliche Entwicklung gekommen. Welche Veränderungen empfindet Michael Geiger als positiv und welche als negativ? „Die heutigen Spieler sind fertig ausgebildet. Früher sind mitunter auch talentierte Spieler durchs Raster gefallen, weil es noch keine Nachwuchsleistungszentren gab. Alleine durch medizinischen und trainingstechnischen Erneuerungen hat der Fußball einen großen Schritt nach vorne gemacht. Früher gab es nur zur Vertragsunterschrift eine sportärztliche Untersuchung. Trotz der fantastischen Entwicklungen würde ich heute nicht gern Profi sein. Heutzutage sind die Spieler gläsern. Wir konnten damals tun und lassen was wir wollten. Wir waren ganz normale Arbeitnehmer. Wenn wir montags zu Conni rein sind, haben wir ein paar Sprüche aufs Auge gedrückt bekommen – und dann war gut. Ich kann mich noch an einen Spruch von Conni erinnern, der sagte: 'Michael, du musst mal häufiger ein Bierchen trinken, dann kriegst du einen strammen, härteren Schuss'. So etwas würde heutzutage sofort in den sozialen Kanälen auftauchen. Die heutigen Profis verdienen zwar mehr Geld, aber wir hatten deutlich viel mehr Freiheit“, blickt Geiger zurück.

Zwischen 1983 und 1985 stand mit Aleksandr Ristic ein ehemaliger Branko-Zebec-Schüler an der Eintracht-Seitenlinie und man kann sich vorstellen, wie ein solches Training unter ihm aussah: „Man ist früher gelaufen, bis man gekotzt hat, so war die alte 'Jugo-Schule'. Er hat die Eintracht vorangebracht indem er die Abseitsfalle trainieren ließ und großen Wert auf das Pressing legte. Das Training war jedoch sehr intensiv und Beschimpfungen waren an der Tagesordnung. Sein größtes Manko war die fehlende Menschlichkeit. Er wollte eine große Distanz zwischen sich und der Mannschaft haben. Mit der Zeit hat sich das gebessert und er wurde lockerer, aber zu seiner Anfangszeit herrschte absolute Stille in der Kabine, wenn der den Raum betrat. Keiner wollte auffallen, keiner wollte Zusatztraining bekommen. Selbst wenn er einen Witz machte, wussten wir als Spieler manchmal nicht, ob wir jetzt mitlachen und lieber still sein sollen“, erzählt Michael Geiger.

Im Frühjahr 1985 musste Aleksandr Ristic gehen, einige Wochen später stand der erneute Abstieg aus der Bundesliga fest. Viele Fans machten Ristic dafür verantwortlich, Geiger sieht das Problem an anderer Stelle: „Es bringt nichts nach so langer Zeit über Schuldzuweisungen zu sprechen. Jedoch hat Günter Mast einen nicht unerheblichen Anteil am Abstieg. Die Eintracht hatte in der Abstiegssaison einen sehr kleinen Kader, dem es an sportlicher Qualität gefehlt hat. Er hat den Verein auf Kosten des sportlichen Erfolgs saniert. Überall, wo er sparen konnte, hat er gespart. Der Abstieg war unnötig und hätte verhindert werden können“, glaubt der Ex-Löwe.

Die Einsparungen gingen selbst nach dem Abstieg noch weiter: „Günter Mast hat allen Spielern das Gehalt um 49 Prozent gekürzt. 49 Prozent deshalb, weil wir ab 50 Prozent den Verein ohne Ablöse hätten verlassen dürfen“, erinnert sich Geiger, der selbst die Eintracht 1986 in Richtung VfL Wolfsburg verließ. „Als Fußballprofi konnte man damals nicht so viel Geld verdienen, um man nach der Karriere ausgesorgt zu haben. Ich habe Spieler gesehen, die sich schwer verletzten und dann vor dem Nichts standen. Die Entscheidung nach Wolfsburg zu wechseln war auch eine Entscheidung für meine Familie. Auf der einen Seite konnte ich meiner Leidenschaft als Fußballer weitergehen. Auf der anderen Seite bot sich mir die Chance eine Stelle bei Volkswagen anzunehmen“, so sympathische Ex-Verteidiger zum Abschluss, der heute in der IT-Abteilung des VW-Konzerns arbeitet.


Teil 33: Bernd Franke


Teil 32: Günter Keute


Teil 31: Kosta Rodrigues


Teil 30: Torsten Jülich


Teil 29: Jacob Thomas


Teil 28: Thorsten Stuckmann


Teil 27: Matthias Henn


Teil 26: Franz Merkhoffer


Teil 25: Benjamin Siegert


Teil 24: Ludwig Bründl


Teil 23: Wolfgang Grobe


Teil 22: Reiner Hollmann


Teil 21: Milos Kolakovic


Teil 20: Peter Kaack Teil 1


Teil 20: Peter Kaack Teil 2


Teil 19: Bernd Buchheister


Teil 18: Fabian Bröcker


Teil 17: Thomas Pfannkuch


Teil 16: Sven Boy


Teil 15: Bernd Eigner


Teil 14: Valentin Nastase


Teil 13: Uwe Zimmermann


Teil 12: Thorsten Kohn


Teil 11: Kingsley Onuegbu


Teil 10: Leo Maric


Teil 9: Daniel Teixeira


Teil 8: Marjan Petkovic


Teil 7: Dirk Weetendorf


Teil 6: Frank Edmond


Teil 5: Ahmet Kuru


Teil 4: Dennis Brinkmann


Teil 3: Jan Tauer


Teil 2: Marco Grimm


Teil 1: Michél Dinzey



Artikel teilen per:

zur Startseite

Sport Videonews