Die Dinge auch mal aus einem anderen Blickwinkel sehen: Patrick Bick.
Die Dinge auch mal aus einem anderen Blickwinkel sehen: Patrick Bick. Foto: Agentur Hübner/Archiv
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15.06.2020

Gestern Eintracht, heute: Patrick Bick, das Multitalent

von Henrik Stadnischenko


Braunschweig. Bei Eintracht Braunschweig räumte er als defensiver Mittelfeldspieler auch in der Aufstiegssaison 2004/2005 die Schaltzentrale auf. Nach seiner aktiven Karriere sind bei Patrick Bick auch andere Fähigkeiten und Eigenschaften gefragt. Dieser Ex-Löwe ist ein echtes Multitalent!

"Der klassische Holzfäller"


Mittlerweile arbeitet Patrick Bick als Osteopath in seiner eigenen Praxis in Leipzig. In diesem Jahr erlangte er seinen akademischen Grad, Master of Science und Doktor der Osteopathie. Dass Bick als defensiver Mittelfeldspieler "aufräumte" ist vielleicht ein wenig untertrieben, manchmal ging es schön weitaus härter zur Sache. Die Folge: Bick machte häufiger als ihm lieb war Bekanntschaft mit den Schiedsrichtern der zweiten und dritten Liga.

In seiner gesamten Karriere sammelte er Gelbe Karten, wie andere Briefmarken oder Autos. Am Ende standen 95 gelbe Karten zu Buche. Alleine in der Aufstiegssaison 2004/2005 sah er 13 Mal den gelben Karton. „Ich war kein klassischer Holzfäller. Ein bisschen kicken konnte ich auch. Ein ordentliches, respektvolles Foul zeigt schon mal Wirkung bei dem Gegner und kann den Spielverlauf verändern. Nicht immer optimal war der Zeitpunkt dieser Herangehensweise, es war sehr limitierend, wenn man den gelben Karton schon in den ersten zehn Minuten des Spiels sieht“ sagt der 43-Jährige und schmunzelt dabei.

Ihn nur auf seine Abräumer-Qualitäten abzustempeln wäre aber zu einfach, ließ Bick doch immer wieder auch seine feine Technik aufblitzen. Besonders seine Siegtreffer im Hin- und Rückspiel gegen Hertha BSC II, sowie im Rückspiel gegen den FC St. Pauli sorgten dafür, dass die Eintracht ihre Spitzenposition in der damaligen Regionalliga Nord verteidigen und letztendlich aufsteigen konnte. Sinnbildlich für seine Denkweise und seinen Charakter steht ein Foto, welches nach dem Eintracht-Training entstanden ist und Bick zeigt, wie er die Eckfahne auf der Stirn balanciert: „Es war schon immer eines meiner Ziele als Fußballer den Ball zu beherrschen. In meiner Lebensphilosophie möchte ich viel ausprobieren, anders denken und kalkuliere demzufolge auch Konflikte oder Fehler mit ein. Diese Strategie ist für mein Umfeld nicht immer einfach und hat mit Sicherheit auch den ein oder anderen Mitspieler oder Trainer genervt. Aus Konflikten und Fehlern entwickelt sich für mich ein größerer Lerneffekt. Seine Lehren aus Siegen zu ziehen ist schwerer, weil eine gewisse Prise Zufriedenheit mitschwingt. Ich finde die Jugend-Spieler sollten mehr Mut haben Fehler zu machen und für diese auch ein gewisses Verständnis der Verantwortlichen zu bekommen, den Jungs Raum für Wachstum zu geben. Erling Haaland oder Kai Havertz sind positive Beispiele: Man sieht Ihnen die Spielfreude an, sie spielen Fußball, weil es ihnen richtig Spaß macht“, sieht Patrick Bick.

Nicht unbedingt der klassische Holzfäller. Foto: Agentur Hübner/Archiv


"Manchmal idiotisch, sehr arrogant!"


Es wirkt als wäre der Ex-Mittelfeldspieler sehr reflektiert, in sich ruhend. Zu seiner aktiven Zeit hätten wir wahrscheinlich einen anderen Patrick Bick kennengelernt, wie er offen zugibt. Das Wort Ehrgeiz fällt in unserem Gespräch sehr häufig. „Als aktiver Spieler habe ich mich manchmal sehr idiotisch, sehr arrogant verhalten, aus Gründen der eigenen Unsicherheit. Öffentlichkeit hat mich schon immer belastet. Ich habe alles dem Fußball und dem Erfolg untergeordnet, ich war sehr ehrgeizig, oftmals zu verbissen. Die Corona-Krise zeigt deutlich, welchen Stellenwert die Fans für den Fußball haben. Man schaut sich die Begegnungen ohne Zuschauer weniger gerne bis gar nicht an. Jeder Spieler, der das Eintracht-Trikot überzieht, sollte dankbar sein, wenn er vor so einer Fan-Kulisse spielen darf. Die Zuschauer machen den Fußball zu etwas besonderem“, betont Bick.

Der Mythos Eintracht Braunschweig


Vor dem Abstiegsduell gegen Energie Cottbus in der vergangenen Saison redeten wir auch mit dem 43-Jährigen und er sprach damals vom Mythos Eintracht Braunschweig. Doch was genau meinte er damit? „Es fängt schon damit an, dass in Braunschweig kein Weltfußball gespielt wird und trotzdem zehntausende Fans ins Stadion pilgern, egal in welcher Liga. Für viele Fans ist Eintracht Braunschweig eine Religion und so leben sie es auch. Ich kann mich an Momente erinnern, dass einige Spieler kein Benzin an Tankstellen bekommen habe mit den Worten: 'Gewinnt erstmal, dann gibt es auch wieder Benzin.' Oder es gab Gratis-Brötchen, weil wir gerade erfolgreich waren. Wenn man für die Eintracht spielt, sollte man wissen, wo man spielt. Identifikation ist einfach gesagt, aber was heißt es? Auch dies habe ich zu spät verstanden. Es bedeutet nicht nur den Wimpel ins Auto zu hängen oder mit einem Schlüsselanhänger der Vereinsfarben durch die Stadt zu laufen, es bedeutet die Vergangenheit zu kennen, die Geschichte der Rivalitäten zu wissen. Torsten Lieberknecht war in diesem Punkt herausragend! Er kannte gefühlt jeden Spieler, jede Historie“, betont Patrick Bick.

Balanceakt im Training. Foto: imago/Hübner


Gänsehaut kriegt er, wenn er an die Highlight-Spiele zurückdenkt. „Die Pokalschlachten waren phänomenal. Wir als kleiner Drittligist kegeln die ganz großen Bundesligisten raus, sowas kann man nicht vergessen. Auch das Spiel gegen Bielefeld II hätte kein Regisseur besser schreiben können. Ausgerechnet Thorsten Stuckmann, der in der ganzen Saison kein Fehler machte, rutschte ein vermeintlich leichter Ball durch die Finger zur Führung der Bielefelder und eröffnet den Krimi“, blickt der 43-Jährige zurück.

An den großen Pokalerfolgen und dem Aufstieg waren Michael Krüger und Willi Kronhardt als BTSV-Coaches maßgebend beteiligt. Michael Krüger, nenn Bick auch als einen wichtigen Trainer in seiner Karriere. „Michael Krüger war eine Mischung aus autoritär und gleichzeitig verständnisvoller Zuhörer. Ihn zeichnete eine gute Menschenführung aus. Er hatte mit allen Spielern ein gutes Verhältnis, nicht nur mit der ersten Elf. Es hatte keiner das Gefühl nicht zum Team dazuzugehören“, sagt Bick.

Aufstiegsparty in der Kabine mit Jürgen Rische. Foto: Agentur Hübner/Archiv


Doch warum schaffte es Michael Krüger nicht, dessen Fähigkeiten unbestritten waren, die Mannschaft in der zweiten Zweitligasaison unter seiner Regie zum Erfolg zu führen? „Es sind viele Faktoren zusammengekommen. Wir hatten großes Verletzungspech. Mit Daniel Graf verletzte sich ein absoluter Führungsspieler. Die Neuzugänge kamen nicht richtig in Tritt und eine gewisse Zufriedenheit hatte sich eingeschlichen. Somit liefen wir die schmerzhaften Extrameter nicht mehr konsequent. Irgendwann entwickelt sich eine negative Eigendynamik, die man nur schwer aufhält“, lässt der Ex-Löwe den Abstieg 2007 kurz Revue passieren.

Danach folgte ein großer Umbruch bei der Braunschweiger Eintracht. Zahlreiche Akteure verließen den Verein. Unter ihnen auch Patrick Bick. Sein Weggang schien überraschend, schließlich wollte der Verein ihn unbedingt halten. Doch was sprach damals gegen einen Verbleib? „Mein Ehrgeiz unbedingt weiter zweite Liga zu spielen. Ich hatte so große Anstrengungen unternommen, um in die 2. Liga zu kommen, dass ich unbedingt dort bleiben wollte. Eventuell war es im Nachhinein ein Fehler, weil ich mich in Braunschweig sehr wohlfühlte. Wiesbaden war schön, war aber mit der Atmosphäre nicht zu vergleichen." Nach seiner Zeit beim SV Wehen Wiesbaden, bei denen er zum Führungsspieler und Kapitän aufstieg, verschlug es ihn zu RB Leipzig, bevor er beim SSV Markranstädt seine Karriere ausklingen ließ.

Der Mythos Eintracht Braunschweig. Foto: Agentur Hübner/Archiv


"Bücher über die Anatomie oder Physiologie"


Der Weg, den Patrick Bick mittlerweile eingeschlagen hat überrascht. Er ist nicht alltäglich und eher für einen Ex-Fußballer untypisch. Zunächst ließ er sich zum Heilpraktiker, Akupunkteur und Osteopathen ausbilden. Vor seiner Karriere schloss er eine Physiotherapie-Ausbildung ab. Doch wie kommt man nun auf die Idee, Osteopath werden zu wollen? „Ich fand dieses Thema schon immer sehr spannend. Für mich war es keine Option nach dem Fußball wieder als Physiotherapeut zu arbeiten, weil mir aber das Wissen über Funktion und biochemische Prozesse mich derart interessierten, wollte ich diesen Weg weitergehen. Wenn andere Spieler im Bus zu den Auswärtsspielen Musik gehört oder Karten gespielt haben, habe ich Bücher über die Anatomie oder Physiologie gelesen. Neben dem Fußball habe ich meine zweite Leidenschaft gefunden. Ich glaube auch, dass in Zukunft der Spitzensport im Bereich Regeneration professioneller wird. Athletik und Taktik sind auf einem sehr hohen Niveau. Die Regeneration ist noch nicht besonders im Fokus. Ich verfasste 2017 eine Publikation über den Regenerationsmanager. Dieser wird in den nächsten Jahren immer entscheidender. Wir können die Regeneration messen, um dem Trainer zu signalisieren, ob und wann die nächste Belastung sinnvoll ist. Denn, ob der Spieler auf der Couch oder beim Spaziergang regeneriert, ist sinnvoll zu wissen “, erklärt Patrick Bick, der unter Torsten Lieberknecht nochmal zum BTSV zurückkehrte und von 2013 bis 2015 als Leiter der Physio-Ableitung für die Eintracht tätig war.

Zum Abschluss wollen wir von ihm wissen, mit den welchen Gefühlen er auf seine gesamte Zeit bei der Eintracht zurückblickt. „Kurz und knapp: Die Zeit in Braunschweig war einfach fantastisch. Am Ende bleiben aber nicht die Frauen, Party- oder Auto-Geschichten hängen sondern die tiefergehenden Gespräche. Torsten Lieberknecht, Daniel Graf, Dennis Brinkmann, Martin Amedick, Christian Skolik, meine Wenigkeit und ein, zwei Flaschen Rotwein natürlich aus dem Saarland haben dazu gereicht“, erzählt Patrick Bick zum Schluss lachend.

Ex-Mitspieler Lieberknecht holte Bick später noch einmal nach Braunschweig zurück. Foto: Agentur Hübner/Archiv


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