Sven Boy im Dress der Braunschweiger Eintracht. Der gebürtige Helmstedter galt als Mentalitätsmonster.
Sven Boy im Dress der Braunschweiger Eintracht. Der gebürtige Helmstedter galt als Mentalitätsmonster. Foto: imago/Rust
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02.04.2020

Gestern Eintracht, heute: Sven Boy, das "Mentalitätsmonster"

von Henrik Stadnischenko


Braunschweig. Nicht erst seit Robin Ziegele oder Yari Otto bedient sich Eintracht Braunschweig im Nachwuchs des VfL Wolfsburg. Schon lange vorher wechselten zuweilen junge Talente aus dem Allerpark an die Oker. Einer von diesen Youngsters war Sven Boy.

"Der Wechsel zur Eintracht war auch eine große Umstellung"


Man kann über die Neunziger in Braunschweig sagen was man will, aber eine Sache haben die Vereinsverantwortlichen gewusst: Es geht nur mit jungen Spielern. In der Saison 1995/96 lag der Altersdurchschnitt bei gerade einmal 23 Jahren. Zu den Youngsters in dieser Zeit gehörte auch der gebürtige Schöninger Sven Boy.

Der damals 18-Jährige war vom Nachbarn aus Wolfsburg an die Oker gewechselt. Dieser Transfer sorgte nicht unbedingt für Jubelstimmung bei den Grün-Weißen: „Für mich als jungen Spieler stand an erster Stelle die Spielpraxis. Ich hätte zwar bei den Profis mittrainieren können, jedoch nur für die zweite Mannschaft auflaufen dürfen. Das wollte ich nicht. Manager Peter Pander und Trainer Eckhard Krautzun versuchten mich über Stunden, von der Entscheidung abzubringen." Boy jedoch blieb bei seiner Entscheidung und wechselte in die Nachbarschaft.

"Der Wechsel zur Eintracht war auch mit einer großen Umstellung verbunden. Auf einmal musstest du vor voller Hütte performen und dabei durfte dir nicht der Stift gehen. Das Gehalt war damals auch nicht besonders hoch. Wir haben als Jungprofis ein wenig mehr verdient als in einer Ausbildung bei Volkswagen“, blickt der heute 43-Jährige zurück.

Den größten Anteil an der Verpflichtung leistete der damalige BTSV-Coach Jan Olsson, der bei vielen Eintracht-Fans keinen guten Ruf genießt. „So schlecht fand ich Olsson nicht. Er hat in einer Zeit, in der es normal war mit Dreierkette zu spielen, versucht eine Viererkette und damit mehr Stabilität und Variabilität in unser Spiel zu implementieren. Das Problem war seine Menschenführung. Häufig musste er innerhalb des Spiels Fehler korrigieren“, sagt der Ex-Löwe über Olsson.

Zwischen 1995 und 1998 92 Spiele (16 Tore) für Eintracht Braunschweig: Sven Boy. Foto: Agentur Hübner/Archiv


Torgefährlicher Abwehrspieler


Schnell zeichnete sich ab, mit Sven Boy hatte Eintracht ein Juwel gefunden. Als Abwehrspieler konnte er sowohl Tore schießen und zeitgleich knallharte Zweikämpfe führen. Den Spitznamen "Mentalitätsmonster" trug er nicht zu unrecht: „Viktor Pasulko hat mir mit auf den Weg gegeben: Es interessiert keinen, wie du gestern gespielt hast, weil du heute besser sein musst als gestern. Ich verstand sofort, ich kann mich im Profifußball nur durchsetzen, wenn ich mehr investiere als die anderen. Zudem versuchte ich alles aufzusaugen und jeden Ratschlag anzunehmen. Heute muss ich mich bei Sergej Fokin entschuldigen, weil ich ihn nach jedem Training genervt habe, dass er mir Tipps und Hinweise geben sollte“, sagt Boy lachend.

Gelacht wurde laut dem Innenverteidiger auch in der Kabine sehr viel: „Vom Mannschaftsgefüge hat es einfach gepasst. Der Zusammenhalt wurde großgeschrieben. Ob wir zu dritt oder viert im Auto zum Training gefahren sind, oder ob es die Raclette-Abenden waren. Die Charaktere haben zueinander gepasst“, betont der 43-Jährige.

2009 gegen Wolfsburgs Grafite im Trikot von Holstein Kiel. Foto: imago/Fishing 4


Verwehrter Wechsel nach Gladbach


Der Erfolg in der Saison 1996/97 ist mit dem Namen Benno Möhlmann verbunden: „Benno war ein komplett anderer Trainertyp als Jan Olson. Bei ihm wussten wir manchmal nicht, ist er Spieler oder Trainer? Am liebsten hätte er jedes Trainingsspiel selbst mitgespielt. Dennoch war er sehr innovativ, sehr akribisch und hatte auch eine klare Idee und Ansprache. Es kam nicht selten vor, wenn bestimmte Dinge im Training nicht geklappt haben, dass er in der Kabine rumgeschrie und Mülleimer oder Eistonnen umgetrat“, erklärt Boy, der in jener Spielzeit seine besten Leistungen abrufen konnte.

Wie in der Debütsaison war Boy 1996/97 absoluter Stamm- und trotz seiner jungen Jahre auch Führungsspieler. Zudem sorgte er als siebenfacher Torschütze auch für die nötigen Punkte. Die Folge war, dass Borussia Mönchengladbach den Abwehrspieler verpflichten wollte. Trotz einer gebotenen Ablösesumme von 500.000 DM ließ die Eintracht ihn nicht ziehen.

„Dass man mir den Wechsel verwehrte fand ich im Nachgang sehr schade, weil ich mich immer sehr professionell und fair gegenüber dem Verein verhielt. Ich nahm das Angebot aber als Ansporn noch besser zu werden und wollte unbedingt mit Eintracht aufsteigen“, so Boy. Die Spielzeit 1997/98 war mit einem erneuten Trainerwechsel verbunden. Benno Möhlmann verließ Braunschweig zuvor und für ihn kam Michael Lorkowski. Die hartnäckigen Gerüchte, dass Lorkowski bei seinem Einstand die Mannschaft ins "Dax" einlud und nur alkoholische Getränke bezahlte – jedoch keine Softgetränke – kann der gebürtige Helmstedter bestätigen.

In der Kabine: Sven Boy ist heute Trainer des PSV Neumünster. Foto: privat


Paul Breitners lange Hose


Besonders kurios war auch die erste Begegnung zwischen Boy und dem neuen Coach: „Das erste Training stand auf dem Plan und es waren 40 Grad im Schatten. Daraufhin meinte der Trainer zu mir: 'So willst du aber nicht auf den Platz.' Ich dachte ist die Hose kaputt, oder will er mich, salopp gesagt, verarschen. Lorkowski erwiderte nur: 'Bei mir wird immer mit langer Hose trainiert ansonsten ist das Verletzungsrisiko zu groß.' Also bin ich zum Zeugwart, der fragte nur: 'Für wen brauchst du eine lange Hose und dir ist schon klar, dass wir Sommer haben.' Ich klärte ihn auf und zum Schluss fanden wir, ungelogen eine alte Hose von Paul Breitner – die aber drei Nummern zu groß war“, erzählt Boy schmunzelnd.

Obwohl Lorkowski einen ganz anderen Trainings- und Spielstil an den Tag legte als Vorgänger Möhlmann, blieb der Erfolg: „Zum einen waren wir durch das harte aber auch athletische Training von Möhlmann fit. Zudem war der Kern der Mannschaft in sich gefestigt. Da wäre es nahezu egal gewesen, welcher Trainer an der Seitenlinie gestanden hätte. Das damalige Credo war: Was du selber kannst bereinigen, bereinige. Alle Spieler hatten eine extreme Eigenverantwortung. Jeder hat in jedem Spiel alles für das Team, für den Erfolg, reingeworfen. Des Weiteren hätten wir auf dem Platz Führungsspieler, die wirklich die Mannschaft führten und so auch kommunizierten. Ich denke da nur an Toralf Bennert, Daniel Jurgeleit, Thomas Pfannkuch und Mathias Hain“, verdeutlicht Sven Boy.

"Eintracht steht und fällt mit Spielern"


Nach der Spielzeit 1997/98 verließ Sven Boy die Eintracht in Richtung Arminia Bielefeld. Zu einer Rückkehr wäre es später beinahe noch einmal gekommen: „Es gab 2001 nochmal eine Anfrage - die zerschlug sich und dann ist meine Karriere verlaufen, wie sie verlaufen ist.“ Und zwar sehr erfolgreich: 172 absolvierte Partien in der Regionalliga Nord, 117 in der zweiten Liga, zwei Aufstiege in die Bundesliga. Zudem genießt Boy heute noch Legendenstatus bei Holstein Kiel, mit denen er 2009 in die 3. Liga aufstieg.

Die Eintracht verfolgt er auch weiterhin aus nächster Nähe. Zum einen, weil BTSV-Torwarttrainer Ronny Teuber ein guter Freund ist und zum anderen, weil Boy als NDR-TV-Experte arbeitet: „Aus der Distanz ist es brutal schwer, eine klare Meinung zur momentanen Situation zu haben. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich nur eine Vermutung äußern: Eintracht steht und fällt mit Spielern, die Leidenschaft und Wille an den Tag legen. In dem Moment, wo die Fans mitbekommen du gibst nicht alles, kannst du nach Hause gehen. Ein Spruch macht die Philosophie von Eintracht deutlich: Es gibt nur drei, vier Personen, die Klavier spielen können, der Rest muss es tragen. Willi Kronhardt, war zum Beispiel ein solcher Typ. Du dachtest, der kippt gleich um. Stattdessen ist er wie ein Irrer die Linie hoch und runtergelaufen. Du brauchst Typen, in denen sich die Fans wiederspiegeln können. Besitzt du die im Kader, ist der Erfolg zur Hälfte safe“, betont Boy, der seit 2007 mit seiner Familie in Scharbeutz lebt und dort Ferienwohnungen vermietet. „Jeder Eintracht-Fan ist bei mir herzlich Willkommen“, so der 43-Jährige abschließend.

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