Am 12. Februar 1997 verloren Thorsten Kohn und die Eintracht in Hannover mit 0:4.
Am 12. Februar 1997 verloren Thorsten Kohn und die Eintracht in Hannover mit 0:4. Foto: imago/Rust
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22.03.2020

Gestern Eintracht, heute: Thorsten Kohn, der unbekannte Dauerbrenner

von Henrik Stadnischenko


Braunschweig. Es gibt ehemalige Spieler, die hat jeder Eintracht-Fan sofort im Kopf. Und dann gibt es Spieler, da muss man erst einmal tief im Oberstübchen suchen. Zu zweiteren gehört auch Thorsten Kohn, dabei gehörte er über Jahre hinweg zu den Dauerbrennern bei den Löwen.

Es gibt Zeiten über die möchte kein BTSV-Fan gerne sprechen und dazu gehören sicherlich die Neunziger Jahre. In diesem Jahrzehnt „durfte“ Eintracht Braunschweig unter anderem gegen klangvolle Teams wie den VfL Herzlake, TuS Hoisdorf oder den VfL 93 Hamburg antreten.

"Hunderte von positiv Bekloppten ..."


Für Thorsten Kohn waren diese Spiele alles andere ein Fußball-Fest, wenngleich er noch heute über die fantastische Unterstützung der Eintracht-Fans in Regionalliga-Zeiten schwärmt: „Besonders das Spiel gegen Herzlake ist noch sehr präsent. Ich will nicht übertreiben, aber Ein- bis Zweitausend Fans sind bestimmt mitgefahren. Das muss man sich mal vorstellen: da fahren Hunderte von positiv Bekloppten an ihrem freien Wochenende in die Pampa, um uns zu unterstützen. Ab diesem Augenblick interessiert es nicht mehr, wer der Gegner ist, da läufst du als Spieler einfach. Allein schon um die Fans nicht zu enttäuschen. Der Fußball wird in Braunschweig einfach gelebt, deshalb kann ich verstehen, wie hart die fußballfreie Zeit insbesondere für Eintracht-Fans ist“, erklärt Thorsten Kohn. Er muss wissen, was die Eintracht-Fans fühlen, denn in 166 Partien trug er das blau-gelbe Trikot.

"Das Wort 'Hexenkessel' trifft es genau!"


Von 1994 bis 2000 spielte der gebürtige Berliner im Eintracht-Stadion. An die Derbys gegen Hannover 96 erinnert er sich noch gerne: „Spiele gegen Hannover kann man nicht beschreiben oder erklären. Bereits vor den Spielen herrschte eine explosive Stimmung in der Kabine. Ich kann mich sehr gut an unseren damaligen 3:2-Sieg zu Hause erinnern. Das Wort 'Hexenkessel' trifft es genau. Wobei man dazu sagen muss, selbst in normalen Heimspielen wurden wir von der Stimmung nach vorne getragen. Beim 1:1 in der Saison 1997/98, hatte ich in der 25. Minute einen Platzverweis kassiert. Die Mannschaft ist trotzdem einfach weitermarschiert und hat versucht in Unterzahl das Spiel zu gewinnen“, betont der Ex-Löwe.

Besonders der Zusammenhalt innerhalb der Mannschaft sei zu dieser Zeit „überragend“ gewesen, wie Kohn betont: „Der Großteil der Mannschaft ist über die Jahre gleichgeblieben. Das hat uns zusammengeschweißt. Es ist immer leicht zu sagen: 'Ihr seid Profifußballer, da muss sich der Erfolg von alleine einstellen.' Ich war wahrlich nicht mit jedem Freund in der Mannschaft, aber die Charaktere haben dennoch zusammengepasst. Am Wochenende wusste jeder was er zu tun hat und konnte sich auf seinen Nachbarn verlassen“, betont der 53-Jährige, der uns einige Anekdoten aus dieser Zeit berichtet.

„Zur damaligen Zeit war es möglich, ohne Probleme feiern zu gehen. Das hat keinen gestört! Also konnte man uns häufiger in der 'Dax Bierbörse' antreffen. Allgemein haben wir wirklich viel als Team abseits des Feldes unternommen. Das lag aber daran, dass wir nur verrückte, überragende Typen in der Mannschaft hatten. Zum Beispiel Mathias Hain. Wenn der einen Gegentreffer im Training kassiert hatte, ist er austickt. Das hat gedauert ihn einzufangen“, berichtet Kohn lachend.

Legendär: Ein halbes Jahr zuvor hatten Kohn und Co. daheim 3:2 gewonnen. Hier gegen Elard Ostermann. Foto: imago/Rust


„Michael Lorkowski war eben Michael Lorkowski."


Ob der Aufstieg in der Saison 1997/1998 mit Benno Möhlmann geklappt hätte, wie es Leo Maric vor kurzem vermutete, vermag Thorsten Kohn nicht zu beurteilen. Jedoch muss er beim Namen Michael Lorkowski, welcher die Mannschaft in der besagten Saison betreute kurz laut lachen, gibt sich dann aber diplomatisch: „Michael Lorkowski war eben Michael Lorkowski. Er hatte seine eigenen Ideen. Benno Möhlmann war jedoch eine ganz andere Kategorie. Er war besessen vom Detail, er war davon überzeugt, jeden Spieler besser machen zu können. Von ihm habe ich während meiner Karriere am meisten gelernt“, so ehemalige Mittelfeldspieler.

Thorsten Kohn glaubt nicht, dass in Braunschweig irgendwann ohne Druck gespielt werden könnte: „Eintracht Braunschweig ist ein Name, der trotz der 3. Liga noch Gewicht hat. Solange Tausende von Fans ins Stadion pilgern wird immer eine gewisse Erwartungshaltung herrschen. Damit muss man als Spieler und Trainer klarkommen. Eintracht Braunschweig gehört in zweite Liga und da kannst du dich als Sportdirektor nicht hinstellen und sagen unser Ziel ist der Klassenerhalt. Entweder sagst du gar nichts oder du machst dich lächerlich bei den Fans mit solchen Aussagen. Ich wünsche dem Verein, dass sich eine langfristige, positive Perspektive in der zweiten Liga auftut“, sagt der Ex-Profi.

"Die Eintracht bietet vor allem für junge Spieler nur Vorteile."


Obwohl Thorsten Kohn seit Jahren im Jugendbereich des VfL Wolfsburg arbeitet und dort zu den Urgesteinen zählt, versucht er die Rivalität zwischen den beiden Mannschaften ein wenig zu relativieren: „Sowohl der Eintracht als auch dem VfL würde es guttun, wenn sie mehr und enger zusammenarbeiten. Robin Ziegele und Yari Otto haben es vorgemacht: selbst wenn man aus Wolfsburg kommt kann man akzeptiert werden, wenn man Leistung bringt. Das Problem bei einigen VfL-Spielern ist, dass sie nur den Blick in die Bundesliga richten. Ich fände es aber gut, wenn die Spieler die es über die U19 und U23 nicht direkt in den Profikader des VfL schaffen den Umweg Eintracht wählen. Die Eintracht bietet vor allem für junge Spieler nur Vorteile. Du hast nicht den absoluten Druck, du spielst vor einer unfassbaren Kulisse und vor allem du kannst Spielpraxis auf sehr gutem Niveau sammeln“, erklärt Thorsten Kohn.

Dagegen findet er es sehr enttäuschend, dass die Jugend in Braunschweig seit Jahren vernachlässigt wird: „Als Wolfsburger müsste ich jetzt sagen: Das interessiert mich nicht. Als Ex-Braunschweiger sage ich: Es ist ein Fehler im Nachwuchsbereich zu sparen. Mannschaften wie Eintracht müssen auf junge hungrige Spieler setzen. Ich glaube, die Eintracht würde einen guten Weg gehen, wenn sie sich als Ausbildungsverein positionieren würde, anstatt auf teure, namenhafte Spieler zu setzen“, betont Thorsten Kohn zum Abschluss.

Die Mannschaft 1995/96: Na, wer bekommt alle Namen zusamen? Foto: Imago/Rust


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