Kompromisslos auf dem Platz: Bei Torsten Jülich (li. mit Jan Tauer) krachte es mitunter.
Kompromisslos auf dem Platz: Bei Torsten Jülich (li. mit Jan Tauer) krachte es mitunter. Foto: Agentur Hübner/Archiv
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27.05.2020

Gestern Eintracht, heute: Torsten Jülich, der kompromisslose Ruhepol

von Henrik Stadnischenko


Braunschweig. Meistens sind die unauffälligen Spieler die effektivsten. Zu dieser Kategorie gehörte gewiss auch Torsten Jülich. In die Öffentlichkeit musste sich der Abwehrspieler nie drängen und trotzdem nahm er innerhalb der Mannschaft eine wichtige Rolle ein.

"Fantastische Menschen"


Unterschiedlicher könnte ein Spieler kaum sein: Auf dem Platz bekam Torsten Jülich Spitznamen wie „Killer“ oder „harter Hund“. Abseits des grünen Rasens war er dagegen ein ruhiger, lustiger Zeitgenosse, den man aufgrund seiner zurückhaltenden Art zu seiner aktiven Zeit beinahe schon zu Interviews zwingen musste.

„Ich habe mich nur auf den Fußball konzentriert und war auch froh, dass wir Jungs im Team hatten, die gerne die Öffentlichkeitsarbeit übernommen haben. Mich hat damals schon das Drumherum gestört, aber in den letzten Jahren ist es extremer geworden. Ich kann verstehen, dass die heutigen Profis eine Marke aufbauen wollen, aber wen interessiert es, wie ich meinen Kaffee zubereite oder welches Paar Schuhe ich geshoppt habe?“, fragt der ehemalige Innenverteidiger rhetorisch, den es auch nicht stört, dass er damals im Schatten von Spielern wie Daniel Graf, Jan Tauer oder Ahmet Kuru stand und diese Spieler heutzutage eher aufgerufen werden als sein Name.

„Erstmal ist es bemerkenswert, dass die Fans diese Namen nicht vergessen haben, nach all den Jahren. Des Weiteren war die Aufstiegstruppe von 2005 nicht nur mit tollen Fußballern besetzt, sondern auch mit fantastischen Menschen. Die Zeit in Braunschweig war wie eine große, lange Klassenfahrt. Wir haben extrem viel gemeinsam unternommen. Grillabende, Okertouren, Cafébesuche, die Liste ist lang. Eine tolle Zeit auf die ich sehr gerne zurückschaue“, erzählt der 45-Jährige.

Trotz seiner robusten Spielweise kassierte Innenverteidiger Jülich "lediglich" 22 gelbe Karten in 95 Partien. Doch wie hat der Ex-Löwe selbst seine Spielweise gesehen? „Ich war nicht der Schnellste, und musste deshalb direkt härter und robuster zur Sache gehen. Ich bin über die Gier, den Biss, den Willen gekommen und habe regelrecht die Zweikämpfe gesucht. Manchmal auch an der Schwelle des Erlaubten gespielt. Jedoch nie böswillig, sondern eher mit dem dezenten Hinweis an den Gegner, er solle doch besser in seiner Hälfte bleiben“, so Jülich lachend.

Der damalige Fußball sei mit dem heutigen auch nicht mehr vergleichbar: "Früher waren die Abwehrspieler auf das reine Zerstören aus. Heute sind sie fast schon die ersten Mittelfeldspieler. Der Fußball ist dynamischer, schneller geworden. Jedoch gibt es weiterhin die Spielertypen, die ich schon zu meiner aktiven Zeit nicht mochte – Profis, wie Neymar. Ich empfinde großen Respekt gegenüber Akteuren, die sich körperlich und aufgrund ihrer Schnelligkeit durchsetzen, aber die Profis, die bei der kleinsten Berührung umfallen braucht der Fußball nicht.“

Von 2003 bis 2007 ein Löwe. Foto: Agentur Hübner/Archiv


"Völlig entkräftet zusammengesackt."


Die technischen Fähigkeiten von Neymar besaß Jülich nicht, dennoch blitze im Pokalspiel gegen Hannover 96 seine Technik für wenige Sekunden auf, als er mit einem 60-Meter-Pass die Eintracht-Führung einleitete. Für den ehemaligen Defensivspezialisten ist dieses Pokalspiel, neben dem Aufstiegsspiel gegen Biefelfeld II, eines der großen Highlights beim BTSV gewesen. „Die Partie hat die gesamte Stadt elektrisiert. Bereits Wochen vorher war es das große Thema. An das Spiel selber habe ich keine Erinnerungen mehr, weil ich nach dem Schlusspfiff völlig entkräftet zusammengesackt bin. Irgendwie bin ich stolz, das Derby miterlebt zu haben, denn so viele Emotionen habe ich in meiner Karriere nicht aufgesaugt. Es herrschte auch immer eine durchweg positive Grundstimmung. Dieses Derby hat mir bewusst gemacht, dass in Braunschweig nicht 20.000 Eintracht-Anhänger leben, sondern die gesamte Stadt vom Eintracht-Virus infiziert ist“, so Jülich.

Tage, an denen man besser im Bett geblieben wäre


Während seiner Zeit in der Löwenstadt lief bei Weitem nicht alles positiv. Gegen den Karlsruher SC hagelte es in der Saison 2005/2006 eine herbe 0:7-Niederlage und eine Spielzeit später musste die Eintracht nach einer wahren Katastrophensaison in die Drittklassigkeit absteigen. „An die Partie gegen den KSC erinnere ich mich leider noch recht gut. Nach der Halbzeit wurde ich eingewechselt, um das Ergebnis abzusichern. Leider haben wir unser Ziel verfehlt. Das war so ein Tag, an dem man besser im Bett geblieben wäre. Der Abstieg war natürlich der Super-Gau. Was mir besonders imponiert hat war die Geduld der Fans. Von Woche zu Woche wurden wir gepusht und angefeuert. Natürlich, und wahrscheinlich auch verdient, mussten wir uns nach den Niederlagen Beschimpfungen anhören, jedoch habe ich es nie erlebt, dass wir in der Stadt angefeindet wurden – selbst nach dem Abstieg nicht. Ich muss sagen, ich war auf viel Schlimmeres eingestellt, aber die Eintracht-Fans sind mit uns Spielern sehr respektvoll umgegangen“, blickt der 45-Jährige zurück.

Jülich suchte die Zweikämpfe. Foto: Agentur Hübner/Archiv


Teurer Alkohol


Doch der scheinbar so ruhige Jülich kann auch anders. Er berichtet zum Abschluss von einem verhängnisvollen Barbesuch im Trainingslager: „Am letzten Tag eines Trainingslagers sitzt man meistens gemeinsam mit der Mannschaft bei einem Bier zusammen und lässt die letzten Tage Revue passieren. Unser damaliger Kapitän fragte, wer noch mit an die Bar kommen wollte und wenn der Kapitän eine Frage stellt, kann man nicht verneinen. Das Problem: Eigentlich sollten wir um 22 Uhr im Bett liegen, es wurde ein wenig länger als 22 Uhr. Im Hotel befand sich auch der SV Darmstadt 98. Irgendwer von Darmstadt muss uns verpfiffen haben, denn am nächsten Tag tauchte Wolfgang Loos beim Frühstück auf und fragte uns, ob die ihm zugetragene Geschichte stimme. Wir bejahten. Wolfgang Loos daraufhin: 'Ich habe zwei gute Nachrichten für euch: Mit der Presse habe ich alles geklärt, die hält dicht. Zum anderen entlastet ihr die Eintracht finanziell, denn eure Geldstrafe ziehen wir direkt vom Gehalt ab.' So teuren Alkohol habe ich nie wieder getrunken“, erklärt Jülich augenzwinkernd, der mittlerweile mit seiner Familie wieder in seiner Heimatstadt Leipzig lebt und dort als Zahntechniker arbeitet.

Jülich lebt heute wieder in seiner Heimatstadt Leipzig. Foto: privat


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