164 Pflichtspiele (30 Tore) für die Profis von Eintracht Braunschweig zwischen 1976 und 1982: Wolfgang Grobe.
164 Pflichtspiele (30 Tore) für die Profis von Eintracht Braunschweig zwischen 1976 und 1982: Wolfgang Grobe. Foto: imago/Ferdi Hartung
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29.04.2020

Gestern Eintracht, heute: Wolfgang Grobe, der Braunschweiger unter den Löwen

von Henrik Stadnischenko


Braunschweig. Den besonderen Stellenwert, den Eintracht Braunschweig in den Siebziger- und Achtzigerjahren einnahm, kann man daran erkennen, dass zwei Mittelfeldspieler von der Oker an die Isar zum FC Bayern München wechselten. Der eine war Wolfgang Dremmler und der andere war Wolfgang Grobe, der gegenüber regionalsport.de einen Blick auf seine Karriere wirft.

"Ich wäre ihm fast an die Gurgel gegangen"


An den Anruf vom damaligen Bayern-Manager Uli Hoeneß kann sich der heute 63-Jährige noch gut erinnern: „Ich wollte schon wieder auflegen, weil ich dachte mich veräppelt jemand. Wir trafen uns dann in Düsseldorf in einem Hotel. Innerhalb von zehn Minuten waren die Details geklärt und ich war Spieler des FC Bayern München“, sagt Grobe schmunzelnd.

Für 1,3 Millionen Deutsche Mark wechselte der Mittelfeldspieler, der einst beim TV Eintracht Veltenhof im Braunschweiger Norddortwesten das Kicken erlernt hatte von den Löwen zu den Bayern. Eine indirekte Mitschuld am Transfer trug auch BTSV-Trainer Uli Maslo: „Maslo und ich haben einfach keinen Zugang zueinander gefunden. Irgendwann warf er mir nach einer Partie vor, ich würde gegen die Eintracht spielen und hätte es nicht verdient, das Trikot zu tragen. Ich wäre ihm fast an die Gurgel gegangen, konnte mich aber beherrschen. Unserem Präsidenten habe ich daraufhin gesagt: 'Entweder geht Maslo oder ich bin am Saisonende weg.' Kurze Zeit später kam das Angebot aus München“, blickt Grobe zurück.

Dass der FC Bayern den damals 26-Jährigen Mittelfeldspieler verpflichtete lag auch an seiner Spielweise. Heute würde man sagen, Grobe war ein Mentalitätsspieler, jemand der das Gewinner-Gen bereits von Geburt an in sich trug. Sein Stern ging gleich in seinem ersten Bundesligaspiel auf: Gegen den VfL Bochum traf der gebürtige Braunschweiger für seine Eintracht. Es folgten 187 Spiele und 37 Tore insgesamt in blau und gelb. „Die Zeit bei der Eintracht war phänomenal. Wir hatten eine wirklich tolle Truppe. Ich war wahrlich nicht mit jedem befreundet, dennoch konnte man sich auf dem Platz blind auf die anderen verlassen. Das Wort Team hatte damals noch eine andere Bedeutung. Da sind nicht vier oder fünf marschiert sondern zehn Spieler! Schade, dass es 1977 nicht zur Meisterschaft reichte. Aber vielleicht war die gute Saison auch nachteilig für den Verein.“

Historischer Sieg in Berlin am 16. Mai 1981. Beim 4:2 in der 2. Bundesliga Nord lagen die Löwen zweimal hinten. Grobe (2.v.r.) traf zum 2:2. Foto: Agentur Hübner


"Drei Bundesligastars hätten uns mehr geholfen, als ein Weltstar"


Wie meint Wolfgang Grobe dass? „Die Vereinsführung war der Meinung, eine solche Spielzeit lässt sich locker wiederholen. Wir teilten den Verantwortlichen unsere Bedenken mit, mit dem gleichzeitigen Wunsch von wirklichen Verstärkungen. Als Antwort bekamen wir nur: 'Nein, nein, ihr seid eine erfolgreiche Mannschaft. In der nächsten Saison schafft ihr es bis nach ganz oben.' Immerhin kam dann noch Paul Breitner“, so der Ex-Löwe.

Über den Weltstar sagte Grobe später einmal: "Ohne Breitner hätten wir den UEFA-Cup erreicht." Wie hatte der 63-Jährige das damals eigentlich gemeint? „Paul tat mir eigentlich leid. Er kam in eine geschlossene Gemeinschaft und wir verpassten es ihn aufzunehmen. Zudem hat Eintracht den Fehler gemacht einen Weltstar zu holen. Überall war das Thema Breitner. Menschlich und sportlich war er überragend trotzdem fanden einige Spieler, es wird zu wenig über die Mannschaft an sich gesprochen. Spitz formuliert: Wir hießen dann nicht Eintracht Braunschweig sondern Breitner Braunschweig. Es sind Gräben innerhalb des Teams entstanden, die nicht mehr zu stopfen waren. Drei Bundesligastars hätten uns mehr geholfen als ein Weltstar“, ist sich Wolfgang „Arthur“ Grobe sicher.

Nervenstark: Wolfgang Grobe verwandelte einige Elfmeter für Eintracht Braunschweig, wie diesen wichtigen zum 2:0-Sieg gegen Offenbach am 10. Juni 1981. Eintracht Braunschweig war damit in die Bundesliga zurückgekehrt. Foto: Agentur Hübner


"Arthur" Grobe


Wie kam der Mittelfeldspieler eigentlich zu seinem Spitzennamen? „Als ich für die Eintracht spielte, waren vier Wolfgang's im Kader. Dremmler, Frank, Grzyb und meine Wenigkeit. Immer wenn Trainer Zebec den Namen Wolfgang rief, reagierten wir. Irgendwann sagte Wolfgang Grzyb: 'Mein Nachbar heißt Arthur Grobe. Ab sofort nennen wir dich auch Arthur' “, erklärt „Arthur“ Grobe lachend.

Emotional war vor allem sein letztes Spiel für die Eintracht: „Da bekomme ich heute noch Gänsehaut. Das komplette Stadion ist aufgestanden, hat mir applaudiert, meinen Namen gerufen. Danach kannst du eigentlich deine Karriere beenden, weil noch schöner geht einfach nicht. Ich vergesse auch nicht den Moment, als ich mein letztes Trikot einem Rollstuhlfahrer schenkte, der uns bei jedem Spiel unterstützte: Er weinte und ich konnte meine Tränen auch nicht zurückhalten“, erklärt ein sentimentaler Grobe.

Auch an die Zeit bei den Bayern erinnert sich Grobe sehr gerne zurück. Schließlich verpasste er in der ersten Saison keine Minute – selbst in Freundschaftsspielen stand er über 90 Minuten auf dem Platz. Doch seine aktive Karriere „endete“, wie sie auch begann – mit einem Spiel gegen VfL Bochum. „Gegen den VfL zog ich mir eine komplizierte Fußballverletzung zu, von der ich mich nicht mehr richtig erholte. Zum Schluss ging es nur noch mit Schmerzmitteln“, erzählt der ehemalige Bundesligaspieler, der seine Karriere somit bereits mit 28 Jahren beenden musste.

Mannschaftsfoto 1979/80. Foto: Agentur Hübner


"Gut, du fängst am Montag an!"


Für Grobe war die Zeit danach sehr hart: „Von heute auf morgen ist deine Lebensgrundlage weg. Ich bin in ein Loch gefallen, zum Glück bin ich daraus gekommen. Es gibt aber auch Spieler, die sich von so einem Schlag nicht erholen und daran zerbrechen“, weiß der Ex-Löwe. Seit 1999 arbeitet Grobe als Scout für den FC Bayern München. Unter anderem entdeckte er Martin Demichelis für die Bayern, Daniel van Buyten hatte er bereits auf dem Schirm, als dieser noch in Belgien spielte. Den Job vermittelte ihm sein alter Teamkamerad Wolfgang Dremmler, der zu der Zeit Chefscout bei den Bayern war.

Die Geschichte über seine Einstellung ist eine schöne Anekdote: „Ich traf mich mit Wolfgang Dremmler und fragte ihn, ob er nicht noch einen Scout benötigen würde. Dremmler sagte nur: 'Das entscheidet der Uli [Hoeneß d.Red]'. Wir also zu Uli ins Büro. Uli: 'Wolfgang, brauchen wir wirklich noch einen Scout?' Dremmler daraufhin: 'Ja, wir könnten noch jemanden gebrauchen.' Uli: 'Gut, du fängst am Montag an. Wie viel Gehalt brauchst du? 2.000 DM? Ach ne, 2.000 DM sind zu wenig. Du kriegst 4.000 DM' “, erklärt Grobe lachend und schiebt ernst zum Thema Uli Hoeneß hinterher. „Uli hat einen Fehler gemacht, keine Frage, und war dafür auch im Gefängnis. Dennoch ist er menschlich ein ganz feiner Kerl. Wenn Uli sagt, er hilft dir, dann hilft er dir! Die Leute, die schlecht über ihn reden, sind die Leute, die ihn gar nicht kennen.“

Während der FC Bayern Rekordmeister ist und seit Jahren Millionenumsätze einfährt, muss sich Eintracht Braunschweig mit der dritten Liga abfinden – „Zu Recht“, sagt Wolfgang Grobe. Wie zu Recht? „Auch wenn ich mir damit keine Freunde mache: Eintracht hat noch nie weitsichtig und zukunftsorientiert gearbeitet. Das war damals so, als man Volkswagen absagte und lieber die PR-Geschichte mit Jägermeister aufzog und das war in der Bundesligasaison 2013/2014 so, als man meinte, man könnte mit einem Zweitligakader die Klasse halten. Ich bin immer noch davon überzeugt, mit besseren Spielern hätte Braunschweig den Klassenerhalt locker geschafft. Jedoch Risiko gehen, das wollte Eintracht noch nie“, sagt Grobe.

Mit Legenden kennt Wolfgang Grobe (oben, 2.v.r.) sich aus. Foto: Agentur Hübner


Enttäuscht von Eintracht Braunschweig


Es wirkt so als wäre der Ex-Löwe sauer auf seinen Ex-Verein. „Nein, ich bin enttäuscht“, schießt es ihm heraus. „Ich habe über die Jahre immer wieder der Eintracht angeboten, wenn ich für die Bayern unterwegs bin, für Eintracht mitzuscouten. Dafür wollte ich nicht einmal Geld, weil es für mich eine Herzensangelegenheit gewesen wäre. Was erhielt ich als Antwort? Wir brauchen keine Hilfe, wir sind gut besetzt. Außerdem haben wir ein eigenes gutes Netzwerk“, erzählt der Ex-Profi.

Das Fass zum Überlaufen brachte eine Aktion im vergangenen Jahr: „Man sprach mich an, ob ich mir vorstellen könnte in den Aufsichtsrat zu rücken oder sogar Sportdirektor zu werden. Beides hätte ich mir sofort vorstellen können. Im Kopf entwickelte ich auch schon Ideen. Doch anstatt mir abzusagen, kam keine Rückmeldung, trotz Nachfrage. Ich erwarte nicht viel, aber Anstand und Ehrlichkeit sollten für Braunschweiger wohl drin sein“, macht Grobe unmissverständlich klar.

Während er mit der Eintracht so gut wie abgeschlossen hat, liegen ihm die Braunschweiger Nachwuchsfußballer am Herzen. In den Ferien bietet er Trainingscamps an. „Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen macht mir sehr viel Spaß. Nur stelle ich immer wieder fest, dass die Eltern ihren Kindern bereits mit sieben, acht Jahren unheimlich viel Druck machen. In der heutigen Zeit von Playstation und Co. kann ich nur sagen: 'Seid froh, wenn die Kids freiwillig an die frische Luft gehen und lasst sie einfach kicken.' Fußballprofi werden sie nicht, weil der Vater drei Mal von außen rein ruft, sondern weil sie den Fleiß, den Willen, die Mentalität haben und diese Eigenschaften entwickeln sie von alleine“, gibt Grobe mit auf den Weg.

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