Karate – Murmeln 24: Schlicktown gegen die ganze Welt

20. September 2016
Symbolfoto: Till Oliver Becker

Wilhelmshaven. Manchmal gibt es sie noch, diese „David-gegen-Goliath“-Momente. Da setzt sich der kleine SV Wilhelmshaven vor dem Bundesgerichtshof doch tatsächlich durch gegen die nationalen und damit auch internationalen Fußballverbände! Ein Urteil mit Folgen, denn der BGH hat entschieden, dass der heutige Siebtligist zu Unrecht aus der vierten Liga verbannt wurde. Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe sind zu erwarten.


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Der SV Wilhelmshaven genießt üblicherweise nicht sonderlich viele Sympathien, nicht einmal in der eigenen Heimatstadt. Doch ausgerechnet am Tiefpunkt der jüngeren Geschichte angekommen, fliegen den Rot-Gelben die Herzen vieler Fußballfans zu, sogar aus Oldenburg und Emden – den Städten der Erzrivalen VfB und Kickers. Ursache dafür ist das Urteil des Bundesgerichtshofs, das nichts anderes bedeutet als ein mittleres Erdbeben in der Sportgerichtsbarkeit: Der Zwangsabstieg, mit dem der Norddeutsche Fußballverband (NFV) sein Mitglied SV Wilhelmshaven zum Ende der Saison 2013/14 belegte, war rechtswidrig. Denn eine solche brutale Maßnahme gibt die Satzung des Regionalverbands nicht her, und nur die ist für teilnehmende Mannschaften bindend.

Dabei hat der BGH noch nicht einmal in der Sache entschieden. Ob die Aufwandsentschädigung in Höhe von 157 500 Euro, die der SV Wilhelmshaven für den Transfer des Spielers Sergio Sargazazu im Januar 2007 an die argentinischen Klubs River Plate und Atletico Excursionistas  zahlen sollte, rechtens oder angemessen ist, war nicht Gegenstand des Rechtsstreits. Es ging einzig und allein darum, ob der Norddeutsche Fußballverband sein Mitglied SV Wilhelmshaven mit dem Zwangsabstieg aus der Regionalliga belegen durfte, nur weil die FIFA das forderte. Dass er es nicht durfte, steht jetzt fest. Der SV Wilhelmshaven darf sich jetzt über eine Entschädigung in Millionenhöhe freuen, die notfalls wieder vor einem ordentlichen Gericht recht problemlos eingeklagt werden kann. Dazu fordert der Verein die Wiedereingliederung in die Regionalliga Nord – als Siebtligist.

Eine weitere Bombe tickt noch, denn es gibt da ja das Urteil des Oberlandesgerichts in Bremen von 2014. Das OLG hatte befunden, dass das Sytem der Ausbildungsentschädigungen gegen europäisches Recht verstößt. Dieses nicht allzu überraschend gefallene Urteil und die Reaktionen der Verbände darauf zeigt, wo das Problem der Sportgerichtsbarkeit liegt: Man begreift sich nicht als Teil einer unabhängigen Justiz, sondern als geschlossene Gesellschaft. Der internationalie Sportgerichtshof CAS urteilt auffallend selten zugunsten von Sportlern oder Vereinen und ist in der Regel nur dazu da, die Linie der Verbände zu stützen. Das kann nicht gut gehen, weil es nicht gut ist.

Die Verbände sehen es als Teil ihrer Teilnahmebedingungen an den Wettbewerben, dass Vereine und Sportler sich ganz auf die Sportgerichtsbarkeit einlassen. Das ist einerseits verständlich und nachvollziehbar. Allerdings fehlt dem CAS dafür die notwendige Neutralität. Deshalb ist es zu begrüßen, wenn strittige Fälle vor ordentlichen Gerichten landen und  dort nach geltendem Recht bewertet werden. Dem SV Wilhelmshaven ist für seine Hartnäckigkeit also gar nicht genug zu danken. Denn jetzt sind die Sportverbände gezwungen, umzudenken. Hoffentlich tun sie dies im Sinne einer fairen Gerichtsbarkeit und „bessern“ nicht nur die Satzungen derart nach, dass Lücken wie die, die der SV Wilhelmshaven jetzt erfolgreich nutzte, geschlossen werden.

Ein Aspekt, über den aber auf jeden Fall gesprochen werden muss: Die Verbände sehen sich noch viel zu selten als Dienstleister und Anwälte ihrer Mitglieder. Da will die FIFA, dass ein deutscher Viertligist massiv abgestraft wird. Und weder DFB noch NFV sehen ein Problem darin, den Willen des Weltverbands ohne Murren und Knurren lokal umzusetzen. Und das ist der eigentliche Skandal der Causa SV Wilhelmshaven.

Till

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Dies ist eine Kolumne von Till Oliver Becker. Die Meinung des Autors entspricht nicht zwingend der Meinung unserer Redaktion.

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