Kicken im Knast: Wenn Ex-Profis gegen Insassen spielen

9. September 2016 von
Blitzturnier in der JVA Wolfenbüttel mit der Traditionself des VfL Wolfsburg und dem SV RW Wohldenberg. Foto: Vollmer

Wolfenbüttel. Ortstermin in der JVA Wolfenbüttel. Erneut lädt die Fußballmannschaft zum Freizeitkick ein. Geladen sind die Traditionself des VfL Wolfsburg und der SV Rot Weiss Wohldenberg aus dem Landkreis Hildesheim. Die Geschichte eines nicht alltäglichen Fußballturnieres. Slideshow: Frank Vollmer


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Keine Berührungsängste

Immer wieder laufen die Blauen an. Zwar liegen sie schon uneinholbar hinten, doch wollen sie unbedingt diesen einen Ehrentreffer gegen die Altprofis des VfL Wolfsburg landen. Michael Misiak hat seine Rolle als Abwehrchef längst aufgegeben. Der 35-jährige Allrounder lauert vor dem Tor auf den entscheidenden Ball. Endlich kommt der Pass – Misiak zimmert den Ball zwischen Keeper und Innenpfosten hindurch ins Netz. Für einen Moment weicht die Monotonie des Knast-Alltags der Freude des Spiels, als er mit seinen Jungs zum Torjubel abdreht.

„Der Sport ist mehr als Ausgleich. Man tut das für sich“ Michael Misiak

Michael Misiak ist Insasse der Justizvollzugsanstalt in Wolfenbüttel. Der Fußball ist auch für ihn eine willkommene Abwechslung vom Vollzugs-Alltag. „Der Sport ist mehr als Ausgleich. Man tut das für sich“, sagt er und erklärt: „Das ist besser, als den ganzen Tag in der Zelle rumzusitzen.“ Misiak nutzt jede Chance, die sich bietet, sich mit Sport abzulenken. Vor dem heutigen Spiel hat er den Rasenplatz auf dem Innenhof der JVA abgekreidet. Seit Tagen wuchs die Freude auf diesen Tag, aber auch die Ungewissheit. Es ist nicht alltäglich, dass Ex-Profis zum Fußballspiel vorbeischauen und eine Belohnung für die Jungs, die dann gegen sie mitspielen dürfen. „Die Liste mit den Namen wird erst am Tag vor dem Spiel bekanntgegeben“, erzählt Michael Misiak, der wegen schweren Raubes einsitzt. „Damit hier keiner irgendwelche krummen Dinger planen kann.“

Fußball verbindet: Andreas Rehr (JVA Wolfenbüttel), Roy Präger und Michael Misiak. Foto: Vollmer

Fußball verbindet: Andreas Rehr (JVA Wolfenbüttel), Roy Präger und Michael Misiak. Foto: Vollmer

Bratwurst und Kartoffelsalat

Bis auf die allgegenwärtigen Uniformen, Kameras und Stahlgitter sieht es auf dem Rasen nach ganz normalem Sport aus. Und doch „ist das mal was anderes“, berichtet Hans-Heinrich Pahl. Der Ex-Profi von Eintracht Braunschweig und dem VfL Wolfsburg hat sichtlich Spaß. „Die Freude bei den Jungs zu sehen ist ein anderes Gefühl“, sagt der 56-Jährige. Der Spaß an der Sache steht für den ehemaligen Abwehrspieler im Vordergrund. „Auch mal mit den Jungs ins Gespräch zu kommen“, führt Pahl fort. „Der Sport hilft immer. Und wir kommen gerne wieder.“ Auch Roy Präger blüht mit dem Ball am Fuß auf. Der ehemalige Stürmer ist ebenfalls zum ersten Mal in der JVA dabei und lobt das gute Niveau der fußballspielenden Insassen. „Das sollte man weiter fördern“, fordert der 44 Jahre alte Trainer aus der VfL-Fußballschule.

„Wir kommen gerne wieder.“ Heiner Pahl

Am Ende gewinnen die Ex-Profis das Blitzturnier, an dem auch der SV Wohldenberg aus der 1 Kreisklasse Hildesheim teilnimmt. Beim geselligen Beisammensein nach dem Sport gibt es keine Berührungsängste. Bei Bratwurst und Kartoffelsalat wird die ein oder andere Anekdote ausgetauscht. Selbstverständlich wurde das Essen ebenfalls von Insassen zuvereitet. Michael Misiak wird nun nachdenklich. Im Februar hat der Familienvater 2/3-Termin. Vielleicht wird dann auch bald seine Reststrafe zur Bewährung ausgesetzt und er ist im Sommer 2017 auf freiem Fuß. Die Konfirmation seiner Nichte zu besuchen wäre sein Traum.

Geselliges nach dem Sport. Foto: Vollmer

Geselliges nach dem Sport. Foto: Vollmer

 

JVA-Fußballtrainer Mario Loba im Interview

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