Mirko Boland: Identifikation Eintracht und das Ende einer Ära

2. Juni 2018 von
Mirko Boland - eine Legende geht von Bord. Grafik: Rainer Moskon
Braunschweig. Ende, aus, finito! Mirko Boland ist kein Löwe mehr. Nach mehr als neun Jahren geht er als einer von zehn Spielern per Pressemitteilung. regionalSport.de würdigt einen, der mehr verdient hat als das. Eine Legende geht von Bord.

Immer bereit

Flexibler geht es kaum. Seitdem er fünf Jahre alt war, kickte Mirko Boland bei seinem Heimatverein SV Rees als Angreifer und Zehner, später auch auf der Sechser-Position. „Meine Mutter hat immer gesagt: ‚Das kann nur ein Fußballer werden‘, weil ich in ihrem Bauch schon so stark getreten habe“, verriet Boland einst. In der Kreisauswahl musste er sogar als Linksverteidiger ran, spielte später auch in der Niederrhein-Auswahl. Sein Vorbild war damals Dariusz Wosz vom VfL Bochum, den er nicht nur nachahmte, sondern auch vom Spielertyp her sehr ähnelte. Und Reds-Legende Steven Gerrard: „Er ist ein Spieler, der seinem Verein seit Jahren die Treue hält. Das mag ich allgemein gern“. Sätze wie dieser ließen Boland später in Braunschweig zur Identifikationsfigur avancieren. 

Im Alter von 15 ging es zum FC Schalke 04. In der U16 lernte Boland dort auch Manuel Neuer kennen. Später, nach dem 0:3 im DFB-Pokalspiel im August 2011 gegen Bayern München, kam der spätere Weltmeister auf ihn zu. Man tauschte Trikots und Neuer erkundigte sich sogar nach dem Wohlbefinden von Bolands Vater. „Marjan Petkovic fand das nicht so lustig, denn eigentlich war er scharf auf das Trikot“, so „Bole“.

Eine andere Anekdote berichtet aus der Zeit der WM 2006, als Boland mit der A-Jugend von Schalke gegen die „Squadra Azzurra“ ein Vorbereitungsspiel absolvierte. Der spätere Weltmeister bereitete sich gerade auf das Turnier in Deutschland vor. „Der Trainer sagte: ‚geht raus und habt Spaß‘, doch nach fünf Minuten lagen wir bereits zurück.“ Am Ende wurde es ein 5:1 für Italien.

Im Sommer 2004 wechselte der 1,74m-Dribbler zum MSV Duisburg. Nachwuchsspieler Boland empfahl sich über die zweite Mannschaft für höhere Aufgaben, wurde in Meyderich aber nie richtig glücklich. „Es wurden im Vorfeld viele Sachen versprochen, die nicht eingehalten wurden. Am Ende hatten wir einen Kader von 36 Spielern. Da warst du als junger Profi abgeschrieben. Dieses eine Jahr war die bisher größte Enttäuschung in meiner Karriere“, erklärte der Linksfuß 2011. Ob er sich da nicht täuschte?

Winter 2009: Der neue Mann gegen Fabian Götze vom BVB II in Liga 3. Foto: Frank Vollmer

„Ich will immer das Optimum und bin selten zufrieden mit meiner Leistung!“ Mirko Boland

Neuanfang in Braunschweig 

Im Januar 2009 wollte ihn Torsten Lieberknecht für Eintracht Braunschweig. Der Trainer kannte Mirko Boland noch aus seiner Zeit bei der Niederrhein-Auswahl. Eine Probe-Einheit an der Oker genügte, um direkt zu überzeugen. „Ich wurde sofort cool aufgenommen. Das hat mich überrascht, weil ich das schon anders kennengelernt hatte.“

Es folgte ein Traumstart für den damals 22-Jährigen. Gleich im ersten Heimspiel gegen die Kickers Emden spielte er von Beginn an und erzielte sogar den Siegtreffer zum 2:1. „Offenbar gefiel den Leuten, wie ich gespielt habe“, bemerkte Boland, der in dieser Rückrunde fast alle Partien von Beginn an absolvierte. Am Ende der ersten Drittliga-Saison landete die Eintracht auf Platz 13. „Im ersten Jahr wollten wir die Liga halten, uns im zweiten Jahr etablieren und im dritten aufsteigen. Und diesen Plan haben wir exakt eingehalten.“

Gesagt, getan: Zweieinhalb Jahre nach seinem Wechsel an die Hamburger Straße folgte der Aufstieg in die 2. Liga. Mirko Boland war da längst als absolute Stammkraft etabliert, gab im Mittelfeld der Löwen den Ton an. Seine Art kam weiterhin an bei den Fans der Blau-Gelben. „Wenn du merkst, heute gehts mal nichts, dann hast du immer noch die Möglichkeit, dich voll reinzuhängen und das Letzte aus dir herauszuholen. Wenn ich einen Ball verliere renne ich notfalls einmal über das gesamte Feld und hole ihn mir zurück.“

Legendenbildung, wie eine Handspiel-Torverhinderung gegen Aue. Foto: Agentur Hübner

„Er ist einer meiner wichtigsten Spieler. Das wird er immer bleiben!“ Torsten Lieberknecht über Mirko Boland

33 Mal Bundesliga

2013 folgte sensationell die Rückkehr in die Bundesliga nach 28 Jahren Abstinenz. Kuriose oder spektakuläre Szenen, wie Bolands Hand-Rettungstat samt Platzverweis gegen Erzgebirge Aue, untermauern dabei die Legende vom Kilometerfresser, der notfalls bis zur Selbstaufgabe alles rausdrückt, was drin ist. Und ehrlich ist: „Der Aufstieg in die 1. Liga war natürlich sehr besonders. Aber von den Feierlichkeiten her war es beim Sprung in die 2. Liga noch intensiver.“

Am 10. August 2013 stand Mirko Boland beim ersten Bundesligaspiel gegen Werder Bremen auf dem Rasen des Eintracht-Stadions. Die späte 0:1-Niederlage deutete an, wie schwer das Ziel Klassenerhalt werden würde. Es folgte ein Auswärtsspiel in Mönchengladbach, nicht weit von der Heimat Rees entfernt – und sein erstes und einziges Bundesliga-Tor. „Im ersten Augenblick hat mir das gar nichts bedeutet, schließlich war es nichts wert, wir haben mit 1:4 verloren“, sagte Boland wenige Tage später. 

Brutale Niederlagen und unvergessliche Momente gaben sich die Hand. So wie im Heim-Derby gegen Hannover 96, das sensationell mit 3:0 an die Löwen ging. „Man hat gemerkt, was dieses Duell für die Stadt bedeutet“, betonte der Mittelfeldspieler. „Die Fans werden sicher noch ein paar Jahre über diesen Tag sprechen. Damals dabei gewesen zu sein, gibt einem ein gutes Gefühl.“

Immer ganz vorn dabei. Foto: Frank Vollmer

„Wenn du da unten auf dem Feld dabei bist und die Körper aneinander knallen, passiert etwas anderes. Du triffst Entscheidungen in Sekundenbruchteilen. Du nimmst das Raunen der Masse wahr wenn dir eine Aktion gelingt und die Rufe des Trainers, wenn du scheiterst. All diese Dinge prasseln auf dich ein.“ Mirko Boland

Treue, aber wechselhafte Jahre

Am Ende reichte es knapp nicht zum Verbleib in der Bundesliga. Nach dem knappen Abstieg gab es einige Interessenten, die sich Bolands Dienste sichern wollten. Er entschied sich, mit dem Klub auch in die 2. Liga zu gehen und verlängerte. Ein Schritt, der im heutigen Profi-Geschäft nicht alltäglich ist. Warum er es trotzdem getan hat? Weil die Eintracht inzwischen sein Zuhause war. „Es war die beste Entscheidung meines Lebens“, kommentierte er später. 

„Für mich ist es wichtig, dass man sich mit dem Verein identifiziert. Man sollte wissen, wofür und für wen man spielt, denn ansonsten ist man nicht mit dem Herzen dabei“, erklärte Boland ein halbes Jahr nach dem Abstieg aus der Bundesliga. „Es gibt auch andere Spieler, die trotzdem sehr gut spielen, aber für die ist das einfach nicht so wichtig. Solche Profis habe ich auch kennengelernt. Die kennen sich nicht einmal mit der Historie ihres Vereins aus. Ich finde, man muss sich immer vor Augen halten, was der Fußball und der Klub den Leuten bedeutet.“

Alles erlebt, von den Höhepunkten bis zu den niedersten Tiefschlägen. Foto: Agentur Hübner

„Spiele für die Eintracht, dann weißt du, was es heißt, einen roten Löwen auf der Brust zu tragen. 1000% Liebe, 1000% Leidenschaft und 1000% Hingabe. Dafür lohnt es sich, Woche für Woche den Arsch aufzureißen!“ Mirko Boland

Bitteres Aus als einer von Zehn

Eintracht Braunschweig unter Torsten Lieberknecht war immer Arbeit. Niemand verkörpert das besser als der mittlerweile 31-Jährige, der mit seinem Verein in Liga 2 in den nächsten Jahren wechselhaftes erlebte und wo etwas wie das Gesicht des Vereins wurde. „Er ist einer meiner wichtigsten Spieler und wird es immer sein“, erklärte Lieberknecht entschlossen, als es bei Boland mal nicht so lief. Aber längst war das Spielglück dem Identifikations-Löwen nicht immer hold. Die große Chance zur Rückkehr in die Bundesliga, Boland hatte sie auf dem Fuß, als er im Mai 2017 beim Relegationsspiel in Wolfsburg aussichtsreich vergab.

Knapp am Aufstieg gescheitert, wurde die Zweitliga-Saison 2017/2018 die wohl schicksalshafteste in seiner bisherigen Karriere. Trotz noch nicht ganz auskurierten Innenbandrisses spielte Mikro Boland in der Rückrunde beinahe durch und absolvierte nebenbei sein 300. Spiel im Jersey der Eintracht. Es wurde zur Nebensache: Am Ende stand ein Scherbenhaufen und der bittere Gang in die 3. Liga.

Trainer Torsten Lieberknecht wurde entlassen. Der neue Coach Henrik Pedersen entschied am gestrigen Freitag: auch Mirko Boland bekommt keinen neuen Vertrag. Nach 307 Pflichtspielen und 29 Toren für Eintracht Braunschweig endet eine Ära. Bei den Fans kommt das mit Sicherheit nicht gut an. Sie lieben ihren „Bole“. Niemand verkörperte „Eintracht“ mehr als der kleine Junge, der einst beim SV Rees auf allen Positionen gespielt hat. Alles Gute für die Zukunft Mirko. Und danke!

Danke Mirko, du wirst uns sehr fehlen! Foto: Agentur Hübner

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Dies ist ein Beitrag von Frank Vollmer. Die Meinung des Autors entspricht nicht zwingend die Meinung unserer Redaktion. Dieser Artikel enthält Zitate aus dem Artikel in der Sonderausgabe des Fußballmagazins abseits° zur Saison 2013/2014 von Timo Keller. 

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