Kommentar

Stutzen-Gate: Grätsche gegen den Fairplay-Gedanken

Eine Grätsche gegen den Fairplay-Gedanken. Grafik: Frank Vollmer
Braunschweig/Hamburg. Die B-Junioren der Freien Turner Braunschweig hatten die gleichen Socken wie der Gastgeber aus Niendorf. Für den Bremer Schiedsrichter Grund genug, die Regionalliga-Partie 25 Minuten nach der regulären Anstoßzeit nicht mehr anzupfeifen. Und beging damit einen groben Fehler. Ein Kommentar von Till Oliver Becker.

Manchmal bin ich einfach nur froh. In all meinen Jahren als Jugend-Fußballtrainer habe ich zwar häufiger die Situation erlebt, dass die Heim- und die Auswärtsmannschaft die gleiche Stutzen – oder Hosenfarbe tragen wollten. Aber immer konnte ein Kompromiss gefunden werden im Sinne des Sports. Entweder wichen die Gastgeber auf eine andere Farbe aus (was sie nicht mussten, aber trotzdem fair taten), oder der Schiedsrichter zeigte sich entspannt genug, die Partie trotz teilweise gleicher Farben anzupfeifen. Die Ausrede, „Die hatten aber die gleichen Stutzen an wie wir!“, habe ich jedenfalls noch nie nach einer verlorenen Partie gehört.

Das alles war am 27. Oktober anders. Die Gäste, die B-Junioren der Freien Turner Braunschweig, hatten bei der Zusammenstellung ihrer Ausrüstung gepennt und waren mit weißen Hosen und Stutzen angereist – diese Kombination stand allerdings dem Niendorfer TSV zu. Der Gastgeber bestand auf sein Recht (§ 12 Absatz 2 der Spielordnung des NordFV), setzte dann aber zur Grätsche gegen den Fairplay-Gedanken an, als man sich entschied, den Gästen nicht mit Ausweichkleidung auszuhelfen. Schielten die Niendorfer hier bereits auf die kampflosen Punkte im Abstiegskampf?

Die Gäste bemühten sich jetzt um Ausweichkleidung. Ein Spielervater machte sich auf den Weg und kaufte rote Stutzen. Als der Vater 25 Minuten nach der ursprünglichen Anstoßzeit ankam, hatte sich der Bremer Schiedsrichter Jonas Werdermann bereits zur Spielabsage entschieden. Und liefert den Freien Turnern damit wahrscheinlich alle notwendigen Argumente für eine Neuansetzung der Partie. Denn die Verbände geben nicht nur die eher allgemeine Prämisse aus, dass Schiedsrichter alle zumutbaren Mittel ausschöpfen müssen, damit eine Partie ausgetragen wird. In den Erläuterungen des DFB zum Regelwerk ist auch zu lesen, wie lange ein Schiedsrichter den Anstoßzeitpunkt verschieben muss, um einer Mannschaft die Chance zu geben, einen Regelverstoß zu beheben. Es sind bis zu 45 Minuten.

Werdermann hat vor Ort also wohl einen groben Fehler begangen, als er nach gerade einmal 25 Minuten beschloss, die Partie nicht mehr anzupfeifen. Das Sportgericht wird die Partie kaum gegen die Freien Turner werten können, sondern sehr wahrscheinlich auf eine Neuansetzung entscheiden. Wobei erschwerend hinzukommt, dass Schiedsrichter Werdermann vor Ort gesagt haben soll, er habe keine Zeit zu warten und müsse noch zurück nach Bremen. Termindruck also als Ausrede?

Aber ganz durchatmen werden die Braunschweiger noch nicht können. Es ist gut möglich, dass sie für ihr Stutzen-Versäumnis zur Kasse gebeten werden. Auch stehen noch Vorwürfe im Raum, Spieler oder Eltern (das ist aus der Stellungnahme der Niendorfer leider nicht herauszulesen) hätten sich vor Ort ausfallend benommen. Bei allem Verständnis für die Umstände: Das geht natürlich gar nicht. Fairplay ist auch und gerade dann wichtig, wenn die Gegenseite darauf pfeift.

Teuer könnte es allerdings auch für einen der Assistenten werden. Der zeigte den abreisenden Gästen aus dem Auto heraus den Stinkefinger (das Video liegt regionalsport.de vor). Noch eine bittere Grätsche gegen den Fairplay-Gedanken.

___

Dies ist ein Kommentar von Till Oliver Becker. Die Meinung des Autor entspricht nicht zwingend der Meinung unserer Redaktion. 

Mehr lesen

Unfassbar! 550 Kilometer gefahren und verloren wegen Stutzen

Stutzen-Spielabsage: Der Assistent zeigte den „Stinkefinger“

Medienpartner
Anzeigen
Kontakt zur Redaktion
Sie erreichen unsere Redaktion 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche per
E-Mail: sport@regionalheute.de
und montags bis freitags von 9 Uhr bis 17.30 Uhr per
Telefon 05331 / 88 27-19
Anzeigen