Kommentar

Wie die Pommes zur VW-Currywurst: Der Fußball als Beiwerk

VfL-Geschäftsführer Michael Meeske wurde nach der Zukunft des Fußballs beim VfL Wolfsburg gefragt. Seine Antwort lassen wir nicht unkommentiert. Fotos: Pixabay/Agentur Hüber
Wolfsburg. Ein Zitat aus der Printausgabe des Fachmagazins Kicker vom gestrigen Montag sorgte in unserer Redaktion für Diskussionen: Auf die Frage, wie er seinen Verein im Jahr 2030 sieht, antwortete Geschäftsführer Michael Meske im Sinne der geplanten Zukunft des VfL Wolfsburg. Meeskes Aussagen sind vor allem für Fußball-Romantiker ein Schlag ins Gesicht – weil er recht hat und doch in einem fundamentalen Punkt am Thema vorbei liegt, wie Till Becker meint.

 

 

 

Nicht nur das Leben, sondern auch der Fußball wird komplexer (…) Dazu ist der Fußball nicht mehr nur das Bundesliga-Spiel am Wochenende, sondern es geht vemehrt um weitere Aspekte wie Nachwuchsförderung, Frauenteams oder E-Sport-Programme. Die mediale Nutzung des Fußballs erfolgt immer differenzierter. Schaute man früher bevorzugt live, in voller Lnge und direkt am Fernseher, so verlagert sich das Geschehen in Richtung von Highlights und parallel genutzten Medien mit Interaktionsmöglichkeiten. Die Bindung der Fans bezieht sich eher auf populäre Spieler und weniger wie früher auf einen Verein, was man unter anderem an den Social-Media-Reichweiten einzelner Spieler erkennen kann.

Der VfL Wolfsburg setzt sich mit solchen Themen vor allem im Bereich „Unternehmensentwicklung“ auseinander. Das strategische Ziel ist, als Verein eine Plattform zu bieten, die für jedes Interesse rund um den Fußball ein Angebot offerieren kann. Dazu müssen wir Menschen mit Fußball begeistern und auch inspirieren, wozu es erfolgreiche Teams mit nahbaren Protagonisten braucht, dazu eine innovative Infrastruktur sowie regionale Präsenz, aber auch internationale Reichweiten.

Und all das muss im Idealfall interaktiv sein, damit eine wirkliche Auseinandersetzung zwischen Verein und den Fans stattfinden kann. Es braucht Vielfalt, denn nur dann ist der Fußball für alle da. Und natürlich Nachhaltigkeit, damit die Maßnahmen langfristige Wirkung entfalten können, vor allem aber auch, um so der gesellschaftlichen Verantwortung des Fußballs gerecht zu werden – und dadurch alles in allem langfristig zu begeistern.“ 

So sieht Geschäftsführer Michael Meske im Fachmagazin Kicker die Zukunft des VfL Wolfsburg

Fußball interaktiv? Foto: Agentur Hübner/Archiv

Die eiskalte Strategie, das kommerzielle Reißbrett

Wie soll man jemandem widersprechen, der nun einmal recht hat? Das, was Meeske hier als Ist- und Wird-Beschreibung des Profi-Fußballs für den Kicker niederschrieb, stimmt. Seine Analyse sticht mit jedem Wort, sein Fazit ist korrekt. Meeske offenbart dabei, was den modernen Fußball ausmacht: die eiskalte Strategie, das kommerzielle Reißbrett. Und doch, zum Ende hin irrt er.

Wenn der gebürtige Oldenburger im Hinblick auf die Zukunft des Fußballs am Beispiel des VfL Wolfsburg von „Unternehmensentwicklung“ spricht, dann ist das schonungslos ehrlich. Denn nicht nur der VfL ist ein Unternehmen, sondern alle Clubs, die am Spielbetrieb der DFL teilnehmen. Und nicht nur die – auch die dritte Liga, obschon sie unter dem Dach des DFB startet und als schwer finanzierbare Pleiteliga gilt, ist ebenfalls eine Profiliga. Der Amateurfußballer, der neben dem Sport noch einen anderem Broterwerb nachgeht, ihn findet man hier kaum noch.

Der Fußball hat sich massiv verändert. Das Schmuddelimage der 1970er Jahre, der Bundesligaskandal und Gewaltprobleme in den Stadien, das ist längst Vergangenheit. Bundesligapartien sind ein familientaugliches Event geworden. Das ist die positive Seite der Entwicklung.

Auf der anderen Seite war der Fußball noch nie so weit weg von seiner Basis. Der Zuschauer im Stadion ist so unwichtig wie noch nie, nur noch etwa 10 bis 15 Prozent der Einnahmen stammen aus dem Ticketverkauf. Längst sind die TV-Gelder höher als der Erlös aus Eintrittsgeldern. Und Michael Meeske betont die Besonderheiten in der Entwicklung der medialen Nutzung ganz folgerichtig, weg vom kompletten Spiel hin zu interaktiven Möglichkeiten, hin zu Highlights, hin zu parallel verfügbaren Angeboten rund um die Partien.

Was das bedeutet, spüren die Fans bereits heute. Die Spieltage der Bundesliga sind auseinandergerissen worden, damit der Konsument sich möglichst wenig zwischen den einzelnen Partien entscheiden muss. Und „alle Spiele, alle Tore“ gibt es sowieso schon nirgends mehr – wer sein Team live verfolgen will, muss für mehrere verschiedene Anbieter bezahlen.

… Wo Meeske fundamental irrt

Wenn der VfL-Geschäftsführer zum Ende seines Essays dann aber von Nachhaltigkeit spricht und von der gesellschaftlichen Verpflichtung des Fußballs, wird es seltsam. Denn unter „Nachhaltigkeit“ versteht der Finanzfachmann natürlich kein ressourcenschonendes Vorgehen, sondern nachhaltigen, also andauernden wirtschaftlichen Erfolg. Und dass der Fußball seiner gesellschaftlichen Verpflichtung nachkommt, wenn er medial möglichst omnipräsent angeboten wird, ist der einzige tatsächlich falsche Part in den Ausführungen Meeskes. Dieser Verpflichtung kommt der Fußball dort nach, wo er unmittelbar erfahrbar ist, wo Menschen tatsächlich miteinander agieren – auf den Sportplätzen der unteren Ligen. Nicht vor den Fernsehern, vorm Computer oder Mobiltelefon. Aktiv, nicht interaktiv!
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Diese ist ein Kommentar von Till Oliver Becker. Die Meinung des Autors entspricht nicht zwingend der Meinung unserer Redaktion. 

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